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Bachmann hören

Lesungen von Ingeborg Bachman auf CD, Sprecherin: Ingeborg Bachmann, Hörverlag
Ingeborg Bachmann: Die gestundete Zeit. Frühe Gedichte und Prosa. 1 CD.
Ingeborg Bachmann: Erklär mir, Liebe. Gedichte 1948-1957. 1 CD.(Teil 1 der großen Bachmann-Edition)
Ingeborg Bachmann: Anrufung des Großen Bären. Gedichte und Prosa 1956 bis 1961. 4 CD. (Teil 2 der großen Bachmann-Edition)
Ingeborg Bachmann: Todesarten. Prosa und Gedichte aus den Jahren 1964-1966. 4 CD. (Teil 3 der großen Bachmann-Edition)
Weitere CD-Publikation zu Ingeborg Bachmann, Hörverlag
Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhattan. Hörspiel. 2 CD.

 

Sendung vom 25.06.2006 im Deutschlandfunk, Buch der Woche

http://www.deutschlandfunk.de/bachmann-hoeren.700.de.html?dram:article_id=82760
fileadmin/dokumente/Audios/abraham.mp3Beitrag hören (Text gesprochen von Ilse Strambowski)

Zart und kränklich ist sie. Ihre Mitschülerinnen nennen sie "Elfchen". Ungewöhnlich belesen und wissensdurstig zeigt sie sich im Unterricht. Was ihr den Spitznamen "Le' hibou", die Eule, einträgt. Bereits während des Studiums veröffentlicht sie erste literarische Arbeiten in Zeitungen. Zur Wiener Kulturszene knüpft sie überraschend zielstrebig und entschlossen Kontakte. Unter anderem zum Hörfunk, wo sie Hans Werner Richter nach der zufälligen Lektüre einiger ihrer Gedichte spontan zur Tagung der Gruppe 47 einlädt. Ingeborg Bachmann.

Mit ihrer ersten Lesung im Mai 1952 hinterlässt die 26-Jährige laut Richter "den stärksten Eindruck". "Sie liest sehr leise, fast flüsternd. Einige sagten nachher: 'Sie weinte ihre Gedichte'. Alle müssen näher rücken, um überhaupt ein Wort zu verstehen. Ingeborg Bachmann wird immer leiser, dann verstummt sie ganz." Man bringt sie in ihr Zimmer, wo sie in Ohnmacht fällt. Mit ihrem angespannt-nervösen Debüt hat Ingeborg Bachmann auf Anhieb Erfolg bei den Kritikern. Schon wenige Tage später liest sie im Nordwestdeutschen Rundfunk. Mit einer brüchigen Stimme, in der ihre "Aufregung am Ersticken", so Ingeborg Bachmanns eigene Worte, noch nachzuhallen scheint; unter anderen ihr Gedicht "Die Welt ist weit".

Die Welt ist weit

Die Welt ist weit und die Wege von Land zu Land,
und der Orte sind viele, ich habe alle gekannt,
ich habe von allen Türmen Städte gesehen,
die Menschen, die kommen werden und die schon gehen.
Weit waren die Felder von Sonne und Schnee,
zwischen Schienen und Straßen, zwischen Berg und See.
Und der Mund der Welt war weit und voll Stimmen an meinem Ohr
und schrieb, noch des Nachts, die Gesänge der Vielfalt vor.
Den Wein aus fünf Bechern trank ich in einem Zuge aus,
mein nasses Haar trocknen vier Winde in ihrem wechselnden Haus.

Die Fahrt ist zu Ende,
doch ich bin mit nichts zu Ende gekommen,
jeder Ort hat ein Stück von meinem Lieben genommen,
jedes Licht hat mir ein Aug verbrannt,
in jedem Schatten zerriß mein Gewand.

Die Fahrt ist zu Ende.
Noch bin ich mit jeder Ferne verkettet,
doch kein Vogel hat mich über die Grenzen gerettet,
kein Wasser, das in die Mündung zieht,
treibt mein Gesicht, das nach unten sieht,
treibt meinen Schlaf, der nicht wandern will ...
Ich weiß die Welt näher und still.

Hinter der Welt wird ein Baum stehen
Mit Blättern aus Wolken und einer Krone aus Blau.
In seine Rinde aus rotem Sonnenband
Schneidet der Wind unser Herz
und kühlt es mit Tau.

Hinter der Welt wird ein Baum stehen,
eine Frucht in den Wipfeln,
mit einer Schale aus Gold,
Laß uns hinübersehen,
wenn sie im Herbst der Zeit
in Gottes Hände rollt!

Schüchtern und zögernd liest sie. Fast kontrapunktisch zur großen Bewegtheit der Gedichte befremdlich tonlos und monoton. Emotionen werden nur hörbar, wo die Stimme so fragil wird, das sie ihr zu versagen droht. Diese Vortragsweise festigt den Eindruck ihrer, so Hans Werner Henze, "elfenhafte[n]" Erscheinung (...), von der eine Aura von Empfindsamkeit ausging, (...) ein Mensch (...), wie von der Nachtigall geboren." Ursache für den durchschlagenden Erfolg der jungen Bachmann ist aber nicht allein ihr auffälliges Auftreten. Nach Trümmer- und Kahlschlagliteratur stimmen ihre Gedichte eine neue Art lyrischen Urton an. Ihre mythischen Bildwelten und reich tönenden Klangmelodien treffen die Mentalität einer Nachkriegszeit und das Bedürfnis, von der jüngsten Vergangenheit loszukommen. Doch ihre von Todesverfallenheit und Schicksalhaftigkeit sprechenden existenziellen Verse knüpfen zwar an den Vorrat poetischer Tradition an, sind aber nur auf den ersten Blick romantisch zeitenthoben. In ihnen finden sich illusionslose zeitgeschichtliche Einsichten wie diese: "Der Krieg wird nicht mehr erklärt, / sondern fortgesetzt. Das Unerhörte / ist alltäglich geworden."

Vielleicht erklärt das den befremdlichen Kontrast ihrer zurückgenommenen Sprechweise zur vermeintlich mythisch-überhöhten Poesie. Mit der flachen Dynamik, dem fehlenden Ausmessen der Sprechhöhen und -tiefen und der zurückhaltenden Betonung sprachlicher Gesten und Formen vermeidet sie alles Deklamatorische. Es scheint, als ob die Autorin beim Sprechen jedes Pathos zurücknähme. Sie schafft damit Distanz, erzwingt die genaue Rezeption und Reflexion der Texte und verhindert damit den unreflektierten Genuss ihrer Bildwelten voll poetischem Zauber.

Ist das schüchterne Sprechen also bewusst gewählt? Wie das hilflose und weltfremde Auftreten, das manche Zeitgenossen gleichfalls als Allüre und Attitüde deuten? Ihre steile literarische Karriere steht jedenfalls im auffälligen Kontrast zur scheinbaren Unbeholfenheit der Person. Ein Jahr nach ihrem Debüt erhält Bachmann den Preis der Gruppe 47 für Gedichte aus ihrer ersten Buchveröffentlichung, "Die gestundete Zeit". Eins mit dem Titel "Fall ab, Herz":

Fall ab, Herz

Fall ab, Herz, vom Baum der Zeit,
fallet, ihr Blätter, aus den erkalteten Ästen,
die einst die Sonne umarmt',
fallet, wie Tränen fallen aus dem geweiteten Aug!

Fliegt noch die Locke tagelang im Wind
um des Landgotts gebräunte Stirn,
unter dem Hemd preßt die Faust
sich schon um die klaffende Wunde.

Drum sei hart, wenn der zarte Rücken der Wolken
Sich noch einmal dir beugt,
sei hart, wenn der Hymettos die Waben
noch einmal dir füllt.

Denn wenig gilt dem Landmann ein Halm in der Dürre,
und wenig ein Sommer vor unserem großen Geschlecht.

Und was bezeugt schon dein Herz?
Zwischen gestern und morgen schwingt es,
lautlos und fremd,
und was es schlägt,
ist schon sein Fall aus der Zeit.

In dieser Sprechfassung ist die charakteristische Zartheit und Brüchigkeit der Stimme zwar weniger dominant. Dennoch fällt das in Tonhöhe und Betonung eigentümlich undifferenzierte Sprechen auf. Es bewegt sich zwischen Singsang, Litanei und vor sich hin sprechen. Die variationsarm vorgetragenen Verse werden gleichsam in der Schwebe gehalten. Jede hörbare innere Beteiligung beim Sprechen wird, wie es scheint, mit angestrengter Disziplin und beinahe erzwungener Nüchternheit zurückgehalten. Bachmanns Stimme klingt klar und eng und erzeugt den Höreindruck einer zurückgenommenen Resolutheit und Präzision, die wiederum so gar nicht zu dem Bild der verängstigten, hilflosen jungen Schriftstellerin passen will.

Einer Autorin, die sich längst endgültig im Kreis literarischer Prominenz etabliert hat. Im August 1954 erscheint ihr Porträt auf dem Cover des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Spätestens jetzt wird Ingeborg Bachmann zum Mythos. Sie lebt seit einiger Zeit als freie Schriftstellerin in Italien und steht dort in fruchtbarem Dialog mit dem Komponisten Hans Werner Henze, für den sie Libretti schreibt. Musik und Sprache sind für Bachmanns Poetologie von großer Bedeutung. Das Phänomen der Stimme nimmt dabei einen zentralen Platz ein. Nicht die professionelle Kunststimme, sondern gerade das Unvollkommene des Organs enthält für sie den "Vorzug des Lebendigen". Denn, so die Autorin, "die Eigentümlichkeit dieser Stimme, die so und so beschaffen ist, wird kein Fortschritt aus der Welt schaffen", diese "Stimme eines gefesselten Geschöpf, das nicht ganz zu sagen fähig ist, was es leidet, nicht ganz zu singen, was es an Höhen und Tiefen auszumessen gibt". Eine musikalische Konzeption von Poesie, die sich in ihren Gedichten spiegelt. 1956 erscheint Bachmanns zweiter Gedichtband: "Anrufung des Großen Bären". Ein Gedicht daraus: "Tage in Weiß":
Tage in Weiß

In diesen Tagen steh ich auf mit den Birken
Und kämm mir das Weizenhaar aus der Stirn
Vor einem Spiegel aus Eis.

Mit meinem Atem vermengt,
flockt die Milch.
So früh schäumt sie leicht
Und wo ich die Scheibe behauch,
erscheint, von einem kindlichen Finger gemalt,
wieder dein Name: Unschuld!
Nach so langer Zeit,

In diesen Tagen schmerzt mich nicht,
daß ich vergessen kann
und mich erinnern muß.

Ich liebe. Bis zur Weißglut
Lieb ich und danke mit englischen Grüßen.
Ich hab sie im Fluge erlernt.

In diesen Tagen denk ich des Albatros',
mit dem ich auf-
und herüberschwang
in ein unbeschriebenes Land.

Am Horizont ahne ich,
glanzvoll im Untergang,
meinen fabelhaften Kontinent
dort drüben, der mich entließ
im Totenhemd.

Ich lebe und höre von fern seinen Schwanengesang!

Mit dem zweiten Gedichtband hatte sich Bachmanns literarischer Ruhm gefestigt. Und auch persönlich öffnen sich Perspektiven: Im Sommer 1958 begegnet Ingeborg Bachmann Max Frisch. Der Beginn einer sechs Jahre dauernden schwierigen Beziehung. 1959 erhält sie für "Der gute Gott von Manhattan" den renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden. Und im Wintersemester 1959/60 liest sie als erste Dozentin des neueingerichteten Lehrstuhls im Rahmen der Frankfurter Poetik-Vorlesungen über "Probleme zeitgenössischer Dichtung". Die Resonanz auf ihren exzentrischen Auftritt ist gespalten. Sie habe, so die Presse, "wortlos und bleich" mit einer "modernen, dickrandigen Brille" hinter dem Pult gestanden, wo sie sich durch "Brille, Haarsträhnen, Taschentuch und Manuskripttasche" gegen ihre Umgebung abschirmte, um dann leise und "in fast gleicher Stimmlage" zu sprechen. Von einer tiefen Skepsis gegenüber absoluten Wahrheiten getragen, vermeidet die etablierte Schriftstellerin bewusst jedes selbstsichere Sprechen. "Beiseite sprechen" nennt sie es selbst einmal. Der programmatische Titel der ersten Vorlesung: "Fragen und Scheinfragen". Selbst in der akademischen Veranstaltung einer Vorlesung, hört man Bachmanns unverwechselbare Stimme "kühn und klagend", wie sie Christa Wolf beschrieben hat. Die Unsicherheit ihrer Stimme spiegelt dabei die Gefährdung eines Ich, dem die Sprache fragwürdig geworden ist und das sich der Welt entfremdet hat. Der Grundgedanke ihres poetologischen Denkens:

Der Fragwürdigkeit der dichterischen Existenz steht nun zum ersten Mal eine Unsicherheit der gesamten Verhältnisse gegenüber. Die Realitäten von Raum und Zeit sind aufgelöst, die Wirklichkeit harrt ständig einer neuen Definition, weil die Wissenschaft sie gänzlich verformelt hat. Das Vertrauensverhältnis zwischen Ich und Sprache und Ding ist schwer erschüttert.

Die für Bachmanns Poetologie zentrale Sprachproblematik ist eng verknüpft mit der Erschütterung des Vertrauensverhältnisses zwischen Subjekt, Objekt und Sprache. Dagegen setzt die Autorin die menschliche Stimme. Bachmann sieht in ihr das mögliche Gegenstück zum Sprachterror der missbrauchenden Zeit. Ihre Vision: die menschliche Stimme als Teilhabe an der Wahrheit, Universalität und Unschuld, als Retterin in der verurteilten Zeit. Ihre Hoffnung: Weil die Stimme immer weiter sprechen muss, wird auch das Ich überleben. In ihrer dritten Vorlesung "Das schreibende Ich" zeigt Bachmann, wie auch das sich auflösende Roman-Ich "Mahood" in Becketts letztem Roman "Der Namenlose" letztlich nicht vollständig verschwinden kann, solange es spricht:

"[Mahoods letzte Worte sind.] ..." ich werde also weitermachen, man muß Worte sagen, solange es welche gibt, man muss sie sagen, bis sie mich finden, bis sie mir sagen, seltsame Mühe, seltsame Sünde, man muß weitermachen, es ist vielleicht schon geschehen, sie haben es mir vielleicht schon gesagt, sie haben mich vielleicht bis an die Schwelle meiner Geschichte getragen, vor die Tür, die sich zu meiner Geschichte öffnet, es würde mich wundern, wenn sie sich öffnete, es wird ich sein, es wird das Schweigen sein, da wo ich bin, ich weiß nicht, ich werde es nie wissen, im Schweigen weiß man nicht, man muß weitermachen, ich werde weitermachen."

Letztlich baut Bachmanns Leitgedanke der "Literatur als Utopie" auf den Platzhalter der menschlichen Stimme:

Aber wird von der Dichtung nicht, trotz seiner unbestimmbaren Größe, seiner unbestimmbaren Lage immer wieder das Ich hervorgebracht werden, einer neuen Lage entsprechend, mit einem Halt an einem neuen Wort? Denn es gibt keine letzte Verlautbarung. Es ist das Wunder des Ich, daß es, wo immer es spricht, lebt; es kann nicht sterben - ob es geschlagen ist oder im Zweifel, ohne Glaubwürdigkeit und verstümmelt - dieses Ich ohne Gewähr! Und wenn keiner ihm glaubt, und wenn es sich selbst nicht glaubt, man muß ihm glauben, es muß sich glauben, sowie es einsetzt, sowie es zu Wort kommt, sich löst aus dem uniformen Chor, aus der schweigenden Versammlung, wer es auch sei, was es auch sei. Und es wird seinen Triumph haben, heute wie eh und je - als Platzhalter der menschlichen Stimme.

Nicht nur in den Frankfurter Vorlesungen fällt auf: Bachmann spricht Prosa wie Lyrik und liest ihre Gedichte wie Prosa. Deshalb ist es, entgegen der öffentlichen Reaktion, tatsächlich kein so einschneidender Bruch im literarischen Werk, als Ingeborg Bachmann 1961 mit Erscheinen ihres Erzählbandes "Das dreißigste Jahr" entscheidet, keine Gedichte mehr zu publizieren. Von Beginn an haben sich bei ihr verschiedene literarische Genres überlagert: Gedichte, Hörspiele, Libretti und Erzählungen stehen neben philosophischen und literaturkritischen Texten. Die lyrische Struktur und musikalische Komposition ihrer Prosa verwundert daher genauso wenig wie die Entscheidung, sich nun auf eine Gattung zu konzentrieren.

Eine Entscheidung, an die sie sich gehalten hat. Bis auf eine Ausnahme. Anlässlich einer Pragreise im Januar 1964 in einer der dunkelsten Zeit ihres Lebens entstehen eine Handvoll Gedichte. Darunter "Böhmen liegt am Meer", dem Bachmann den Status eines "letzten Gedichts" zuschreibt. Aber die Autorin nimmt die eigene Autorschaft gleichsam zurück, indem sie sagt, "wenn ich könnte, würde ich meinen Namen wegnehmen und darunter schreiben 'Dichter unbekannt'. Es ist für alle und es ist geschrieben von jemand, der nicht existiert." In seinem Roman "Auslöschung" wird es von Thomas Bernhard als das schönste Gedicht deutscher Sprache gerühmt. Bachmann selbst erschien es wie ein "Geschenk", das sie "nur weiterzugeben" habe "an alle anderen, die nicht aufgeben zu hoffen auf das Land ihrer Verheißung."

Böhmen liegt am Meer

Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.
Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.
Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.

Bin ich's nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.

Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich's grenzen.
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.

Bin ich's, so ist's ein jeder, der ist soviel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehen.

Zugrund - das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren

Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe
unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen

Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.

Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
Zum Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.

Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,

ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.

Elementar klingt hier das utopische "und trotzdem", das für die Bewegung ihres ganzen literarischen Werks bezeichnend ist. "Böhmen liegt am Meer" ist, so Bachmann, "gerichtet an alle Menschen, weil es das Land ihrer Hoffnung ist, das sie nicht erreichen werden. (...) Deswegen hört für mich dort auch alles auf. Es ist deswegen auch das letzte Gedicht was ich geschrieben habe. Ich würde nie wieder eines schreiben, weil damit alles gesagt ist." Das Gedicht "Böhmen liegt am Meer" ist der Kontrapunkt , Symbol für die "Literatur als Utopie", so der Titel ihrer letzten Frankfurter Vorlesung. Es wird tatsächlich ihr letztes Gedicht bleiben.

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