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Schattenseite der Wörter

Jenny Erpenbeck: Wörterbuch. Eichborn Verlag, Berlin 2005. 116 Seiten.
Rheinischer Merkur, Nr. 11,  17.03.2005, Seite 34

ROMAN Jenny Erpenbeck schreibt über die Opfer der Diktaturen und entdeckt dabei die Gewalt der Sprache

Das „Wörterbuch“ von Jenny Erpenbeck ist kein alphabetisches Nachschlagewerk, sondern eine nach der Psycho-Logik eines gespaltenen Bewusstseins strukturierte niederschmetternde Sprachkunde. Ein oberflächlich intaktes Wortregister, tatsächlich aber ein Lexikon der Lüge mit einer nur scheinbar harmlosen Begrifflichkeit. Subkutan, unter einer hauchdünnen Schicht Normalität, lauern Gewalt und Terror.

 

Ein Mädchen wächst als Tochter eines hohen Militärs einer südamerikanischen Diktatur auf. Erst als die Revolution die Familie zur Flucht zwingt und den Vater schließlich ins Gefängnis führt, erfährt sie, dass sie adoptiert wurde, nachdem ihre leiblichen Eltern zu Tode gefoltert worden sind. Unfähig, die Wahrheit zu verkraften und mit der Freiheit umzugehen, gelingt es der namenlosen Ich-Erzählerin nicht, sich von den Mördern ihrer Eltern zu lösen. Ihr Schicksal ist eine Parabel vom Ende einer diktatorischen Gesellschaft und von seinen Folgen. Erpenbecks Buch ist ein lexikalisches Psychogramm der Opfer einer Gewaltherrschaft. Ihre geliehene Identität speist sich, auch während des unumkehrbaren unaufhaltsamen Verfalls und noch über den Zusammenbruch hinaus, aus der begrifflichen Prägung des Herrschaftssystems.

 

Das Mädchen kehrt schließlich zu seinen Stiefeltern - und die Geschichte am Ende zu den gewohnten Sprachmustern und vertrauten Satzgefügen zurück. Aber etwas hat sich verändert: Die Erzählung wird in der dritten Person fortgeführt. Grammatisches Symptom der Selbst-Entfremdung. Die Lüge ist die Wahrheit. Und andersherum. Vater und Mutter sind Vater und Mutter. Eltern. Milch trinkt man gegen Hunger. Trinken. Milch. Alles andere ist Lüge. Die Lüge, eine verblassende Spur der Erinnerung. Die Zeit, eine Frage des Blickwinkels. Der Tod, so der Adoptivvater, trifft zuerst „diejenigen welche, dann deren Freunde, dann die, die sich an sie erinnern, später alle, die Angst haben“ und erst ganz zuletzt alle. Also: Festhalten an der Eindeutigkeit der Worte. Der Ball ist ein Ball. Auge, Nase, Mund. Das Messer ist ein Messer. Kein Folterinstrument. Keine Waffe gegen die Erinnerung. Und nicht das letzte Wort. Die Wahrheit, eine Lebenslüge. Denn in Wahrheit wird, die Ich-Erzählerin weiß es und will es doch nicht wissen, „irgendein Wort . . . wohl einmal das letzte sein, Messer vielleicht, oder irgendein anderes, irgendein Wort, das schon immer da war“.

 

Mit unerbittlicher Genauigkeit erstellt Jenny Erpenbeck die exakte Kartografie einer aus den Fugen geratenen Sprache und eines beschädigten Bewusstseins. Die formalen Mittel, die sie dazu einsetzt, eine experimentelle Sprache, die oft aber gerade durch ihre zwanghafte Originalität wieder an Kraft einbüßt. Was immer wieder besticht, ist der Klang, die höchst suggestive Sprachkomposition und der bis in die letzte Silbe, bis in die kunstvolle Interpunktion hinein ausgefeilte Sprachrhythmus. Der Leser wird einer monologisierenden, manchmal sogar geschwätzigen Kopfprosa ausgesetzt, die ihn mit einer ungeheuren Zentrifugalkraft durch den Text schleudert. Merkwürdig ist nur, dass der Text, ausschließlich auf sich selbst und nicht über sich hinausweisend, wie ein schwarzes Loch alles in sich zu verschlingen scheint. Wenige Eindrücke bleiben haften, selbst die kraftvolle Sprachlichkeit verblasst schnell. Und seltsamer noch, dass die Erzählung trotz Einsatz dieser gewaltigen sprachlichen Mittel nicht wirklich zu berühren vermag.

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