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„es geht um NICHTS und es geht um ALLES“

 

Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete
Suhrkamp Verlag, Berlin, 201 Seiten.

Sendung vom 21.02.2011 im Deutschlandfunk, Moderation Hubert Winkels
www.deutschlandfunk.de/friederike-mayroecker-da-ich-morgens-und-moosgruen-es-geht.700.de.html

Beitrag hören (Zitate gesprochen von Ursula Hofmeister, ORF Burgenland)

 

Die Fünfundneunzigjährige zählt zu den höchst dekorierten österreichischen Schriftstellern, ihr so umfangreiches wie eigenwilliges Werk wächst nach wie vor jährlich an: Friederike Mayröcker, geboren 1924 in Wien, ist mit ihrer schwarz verhüllten Gestalt und ihrer zettelübersäten Wohnung zur lebenden Legende geworden. 1946 erscheinen erste literarische Veröffentlichungen. 1954 lernt sie den Dichter-Kollegen Ernst Jandl kennen, mit dem sie bis zu dessen Tod im Jahr 2000 zusammenlebt und -arbeitet. Als "bekannt, aber nicht gekannt" bezeichnete ein Literaturwissenschafter einmal die u.a. mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen mit Stern (2014), dem Großen Österreichischen Staatspreis (1982) und dem Georg-Büchner-Preis (2001) ausgezeichnete Dichterin, die vielfach bewundert, aber nur von wenigen wirklich gelesen wird. Seit fast sechs Jahrzehnten entstehen in dichter Folge Prosa- und Lyrikbände, mittlerweile über einhundert Werke. Der letzte als Lyrik ausgewiesene Band erschien 2012 mit "Von den Umarmungen". Mayröckers große Prosa-Arbeiten – etwa "Die Abschiede" (1980), "Das Herzzerreißende der Dinge" (1985), "mein Herz mein Zimmer mein Name" (1988), "brütt oder Die seufzenden Gärten" (1998), "Und ich schüttelte einen Liebling" (2005) oder "Ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk" (2010) – sind "keine Autobiografie, dennoch authentisch". Ihre zuletzt erschienenen Werke betitelt der Suhrkamp-Verlag, bei dem Mayröckers Werk seit 1979 erscheint, selbst als "prosaische Gedichte und lyrische Prosastücke". Ihr neuer Prosaband schließt sich übergangslos daran an. „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ ist jetzt erschienen. Und wird uns von Michaela Schmitz als unser BdW hier im DLF vorgestellt.


Sprache ist alles. Alles ist Sprache. Sie lebe nur in Sprache, bekennt Friederike Mayröcker. „ich lebe ich schreibe“ lautet ihre Lebensgleichung. Doch wie sehr ihr „Leben sich so mächtig zugespitzt hat auf diese Bleistiftspitze des Schreibens hin“ , so die Autorin selbst, legt sie in ihren letzten Texten immer radikaler offen. Ihr jüngstes Prosawerk „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ ist wohl die bislang radikalste Zuspitzung ihrer „Reinschrift des Lebens“.

 

Ihre letzten Prosawerke datiert Mayröcker bereits tagesgenau als literarische Tagebücher. Die 2011 bis 2015 entstandene Trilogie „études“, „cahier“ und „fleurs“ und das 2016 bis 2017 geschriebene Buch „Pathos und Schwalbe“ setzen sich aus Aneinanderreihungen von Kurz- und Kürzesttexten zusammen. Proème nach dem Vorbild von Francis Ponge, die sich zwischen Prosa und Lyrik bewegen. Nur drei Tage liegen die letzten Einträge von „Pathos und Schwalbe“ zurück. Fast übergangslos schließt Mayröckers neuer Prosaband jetzt daran an. Aus Aufzeichnungen von drei Kalenderjahren 2017, 18 und 19 setzt sich der als Triptychon konstruierte Prosaband zusammen. Der dreiteilige Aufbau von „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ mit gewichtigem Mittelteil und schmaleren Seiten-Flügeln erinnert an einen Altar.

 

„dieser Text ist eine Abstraktion“ – bis an die Grenze zum Wahnwitz

 

Die konsequente Nachhaltigkeit, mit der die Dichterin in ihrem neuen Prosaband ihr ausgereiftes literarisches Verfahren der „Lebensverschriftlichung“ bis an die Grenze des Wahn-Sinns treibt, ist wieder einmal atemberaubend. Ihr „Koch-Rezept“ zur sprachlichen Abbildung des eigenen Bewusstseins-Chaos aus Erleben, Lektüre, Erinnerung und Träumen ist ein berauschender Mix aus Cut-up-Technik und Sprach-Bionik. Mit ihren intuitiven Wortwucherungen erzeugt Mayröcker hier aus einer Unsumme bereits bekannter Versatzstücke ein wild verzweigtes Sprachwurzelgeflecht. Mayröcker dreht in ihrem neuen Band die Schraube ihres literarischen Verfahrens noch weiter. Bis an jene Grenze, wo Sprachverlust und Spracherwerb, Ende und Anfang zusammenfallen.

 

„ich wäre nicht so verwüstet hätte mich meine Mutter als Tintenfisch auf die Welt, gebracht, ach, flösse die Tinte meines Blutes in mein Gedicht usw., als würde ich um die Ecke schwenken meines Gedichts oder eine Blume mir den Weg verstellen dasz ich ins nichtvorstellbare, weiszt du

 

bist Hundsveilchen halber Mond verhüllter weinender Mond (über den Bäumen) als wir damals, nachts auf dem Balkon des Hotels Goldenes Schiff und uns küszten …… was v. Blättern. Ich wäre nicht so verwüstet würden die, wie im Traume, auftauchenden Worte / Sätze / Stiefmütterchen / nach wenigen Augenblicken untertauchen ich meine in welchen tiefen Brunnen seien sie VERSUNKEN ?

RÜSCHE v.BLUME

ein halber Mond ein verhüllter Mond über den Bäumen, ich habe mich in die Zunge gezwickt dasz ich aus Schreien ich meine mit dem Fusze in den Boden gestampft, meine Texte entstehen durch sich fortpflanzende Augen! dieser Text ist eine Abstraktion, sagst du, mehrmals während des Schreibens hat sich die Perspektive geändert, ich meine ein Schmollmund, ich habe einen zierlichen Zeigefinger skizziert, um auf ein Wort hinzuweisen, mit einem roten Fingernagel, manchmal als ob mich meine Freunde auffingen bevor ich stürze, ach. »meiner Seel’«, ich habe mir nicht vorstellen können dasz ich derart. Um mich würde kreisen (wollen)“

 

Sie bezeichnet sich als „Debütantin des Todes“ und wünscht sich: „lasz uns ausgehen! Wie Kerzen!,“ Des nachts fragt sie sich, ob sie den nächsten Morgen noch erleben werde. Umso größer ist ihre allmorgendliche Euphorie beim Erwachen. Jeder neue Morgen wird als persönliche Auferstehung erlebt, das Öffnen des Fensters „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ jeden Tag neu als private Morgenandacht gefeiert.

 

Im krassen Gegensatz zur Kontinuität der Chronologie ihrer Lebensaufzeichnungen steht die von ihren früheren Prosatexten bekannte Methode des Zerschneidens von Inhalten und Sätzen: Mayröcker bezieht sich im Text ausdrücklich auf die von der Beat Generation in den Fünfzigern etablierte Cut-up-Technik. Der Begriff „Schere“ taucht immer wieder auf. Oft wird das Schneiderwerkzeug als kleine Zeichnung in den Text einfügt. Die zerschnittenen Text-Schnipsel und Wortteile fügt Mayröcker neu zusammen und montiert daraus eine Collage mit neuem Muster. Die einzelnen Wort-Kombinationen sind oft abenteuerlich oder gar absurd. Genau das ist beabsichtigt. Mit der linearen Syntax soll auch die Sprachlogik aufgebrochen werden. Um so Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern und damit auch alogische Vorgänge und gleichzeitige Ereignisse darstellen zu können.

 

Auffällig ist, dass in „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ die Sinneinheiten noch einmal kürzer und elliptischer werden. Oft gruppieren sich nur zwei, drei Wörter zu einem fragmentarischen Bedeutungsfeld. Altbekannte Schlüsselmotive und -orte werden nur noch mit Kürzeln angedeutet wie D. für Deinzendorf, wo Mayröcker ihre Kindheitssommer verlebte. Schlüsselszenen werden nur noch angetupft wie ein unvergessener Moment mit ihrem Lebensmenschen Ernst Jandl in einem Gastgarten von Bad Ischl. EJ und JD, ihr künstlerischer Genius Jacques Derrida, werden nur noch mit Kürzeln gekennzeichnet. Insgesamt werden die Andeutungen immer kryptischer. Von „Enigma“, der nach dem griechischen „Rätsel“ benannten NS-Verschlüsselungsmaschine, ist die Rede. Und die Autorin selbst warnt: „verehrte Lauscher und Lauscherinnen versuchen Sie nicht das Geheimnis dieses Textes zu lüften“.

 

„man fragt mich was ist der Inhalt nämlich Schlepptau des neuen Buches, ich sage »verzage nicht!« und sehe aufs Wintermeer hinaus, es geht um NICHTS und es geht um ALLES, vielleicht polyphon, es geht um Sensationen = ich meine Empfindungen, im Sinne v. Materie : Tisch der Materie, es geht um das böse Blut : das blaue Blut oder Herzblut : ach um ein lg. Leben es geht um den Knall den Knall der Verliebtheiten, Vergeblichkeiten, Phantasien Tagträume oder wie EvS flüstert »am Morgen also im ersten Morgenlicht den Kopf vergraben auf Küchentisch und erstes Tränenvergieszen, dann WUNDERLICH!« …… also mit tausend Armen die Sprache locken heranlocken etwa, Schulter an Schulter,


diese exzessive, BAMBI-NATUR : ha!ha! Klassiker einer Kindheit, SLANGE, sagst du, SLANGE ! du probierst das Zischen, Zischen v. Schlange, damals auf diesen schmalen Stegen lag sie, sonnte sich ich habe den Ort vergessen ich vergesse den Ort / englisch »i forget the place, usw.«, der Name des Orts ist mir entfallen tatsächlich herausgefallen aus meiner Stirn, ach rosa Malve die Stirn deine Stirn, deine ewige Stirn,

da ich den Wasserhahn, aufdrehe höre ich eine Stimme die zu mir spricht : »bist Liebstöckel Märzenbecher Geschwader von.«“

 

Verbalträume, Malerei, Kunst & Natur – über Sprache hinaus sprechen

 

Es geht um nicht mehr und nicht weniger als darum, die Sprache über ihre eigenen Grenzen hinaus zu treiben. Ein Vorbild ist „Das Buch der Fragen“ von Edmond Jabès. Die Liebesgeschichte eines jüdischen Paares ist ein komplex-schillerndes Mosaik aus Kommentaren, Erzählpassagen, Monologen, Dialogen und Aphorismen. Ein hermetisches Buch, das die Grenzen der Gattung, Erzähllogik und Sprache sprengt. Mayröcker erwähnt es auf den letzten Seiten von „Prosa und Schwalbe“. Gleich im zweiten Proème ihres neuen Buchs greift sie es erneut auf.

 

Schon im ersten Proème ruft die Autorin drei weitere Künstler-Genien an. Alexander Wied und sein Buch „In Schaudern erwacht“. Fünfzig Jahre lang notiert der zeitgenössische österreichische Kunsthistoriker authentische „Traumprotokolle“. J.J. Grandville und sein Bild „Das Tier im Mond“. Der 1803 geborene französische Karikaturist ist für seine anthropomorphen Tier- und Pflanzendarstellungen bekannt. Und die 1915 geborene österreichische Naturlyrikerin Christine Busta. Ihre Gedichte beschwören die Verwandlung der Furcht und der Schuld in Liebe und Erlösung.

 

Auch Mayröcker protokolliert in „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ ihre Verbalträume und Traumwelten. „Texte aus einem Zwischenreich“, die Wahrheiten jenseits der Logik offenbaren. Sie zeichnet surreale Visionen und Wortmalereien von beseelten Pflanzen und menschlichen Tierwesen, welche die Wirklichkeit transzendieren. Und entwirft magische Bilder, die Schmerz durch Schönheit erlösen, indem sie Kunst und Natur in poetischer Sprache versöhnen. Immer wieder fällt der Begriff „Nature writing“. Von „Pflanzenschrift“ ist die Rede und von „Knospenkunst“. Hieronymus Boschs Zeichnung „Baummensch in einer Landschaft“ wird erwähnt. Louise Bourgois‘ Projekt „The art of improving nature“ mit Skulpturen von menschlichen Körpern, aus denen Äste wachsen, inspiriert die Sprecherin zu surrealen Fotocollagen. Sie erinnern an Man Ray, dem die Autorin im Text eine Hommage widmet.

 

„ich seh es so vor mir. Auf einem Foto aus einem Kopfe : meines Kopfes schien, ein Halm, zu sprieszen (als Liebkosung dasz du auferstehen mögest) weil hinter mir aus einer Vase die man nicht sehen kann : Halme sprieszen : die Fotografie scheint sehr geduldig mein Kopf scheint nachdenklich, mein Auge starr …… auf der Rückseite des Fotos steht »20 / 12 / 11« : das Datum der Erscheinung sagst du, ein Dürerhase im Genick / Geäst des Gartens, von.

Gloriole der Amsel die Scheinberührung Genossin Amsel ans Fenster pickt …… auf einem Fusze auf einem Schnee weiszgrünes Mäulchen LENZ usw.,“

 

Das Geschriebene selbst wächst sich zum Gestrüpp oder „Gebüsch“ aus. Mit Verästelungen aus mehrdeutig verzweigten Wortfeldern und verwinkelten, vibrierenden Satzästchen. Im Text wachsen sogar Gedichte aus Bäumen: „ich meine wie die Strophen eines Gedichts sich von den Ästen eines Baumes lösten“. Wurzeln gleich folgen die scheinbar autonomen Satzwucherungen ihrer undurchschaubar intuitiven, nur der Schönheit gehorchenden Dynamik.

 

„Reinschrift des Lebens“ – Schrift-Körper und Körper-Schrift

 

Aktuelle Tagesereignisse und reale Kontakte spielen in Mayröckers Lebensbeschreibungen kaum noch eine Rolle. Die Wohnung, mittlerweile einziger Lebensmittelpunkt und Arbeitsplatz, scheint die Autorin so gut wie nicht mehr zu verlassen. Schonungslos benennt sie ihre körperliche Hinfälligkeit: Sie sei „in einen Zustand zarter Verwahrlosung geraten“, sei „jetzt CHER KRÜPPELCHEN“ und „bestehe nur noch aus Prothesen, weil mein Körper so dissonant, ach Schwertlein!“

 

Im Schreibprozess verschmelzen Schriftsteller und Geschriebenes buchstäblich zum Schrift-Körper. Die Sprecherin horcht auf „das klopfende Herz des Textes“. Sprache wird systematisch von Körperlichem durchwirkt. Es fließen jede Menge Blut und Tränen, „jedes Wort ein einziges Wundmal usw.“. Wie ihr Körper die Wörter gleichsam ausscheidet, darüber kann sie sich selbst nicht genug wundern: „da lag dieses Wort auf dem Küchentisch, da fiel mir dieses Wort aus dem Mund“. Sie beobachtet mit Staunen über den wachsenden Sprach- und Kontrollverlust, wie Text-Körper und Körper-Text allmählich bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander übergehen.

 

„ich hatte sie in der Wohnung verloren sie waren verlorengegangen ich konnte sie nicht wiederfinden sie waren ein Teil v. mir aber die Sätze waren verlorengegangen, lasse ich mein Auge auf den Konturen meines Zimmers ruhen finde ich die entlegensten Gegenstände wieder, auch solche die ich gesucht hatte, der Enzian ach wie fiebert er meinen Worten entgegen, man sagt Abendrot aber Morgenröte etc. als wünschte ich an jeder 3. Zeile um die Straszenecke zu schwenken, es löffelte so silberblau in der Früh, also im Fenster. Ein biszchen dieses aufgeblähte aufgebüschelte sitzt man mit Freunden zusammen so aufgebürstet wie Frisur …… diese Härchen auf dem Fliesenboden (WC) schon sind die collagierten Bildnisse zu riechen, zum Osterfest ich ihm ein Stehpult schenkte!, an dem er schreiben sollte wie ein Goethe, ach schnäbelte Schnee usw.,“

schon kühlt die Erde ab, weisze Wolkenperükke oh Wolkenliebling wie mich dauert dein Verschwinden, der Wald dieser

Liebling tief verschleiert verschlossen entschlafen, meine Hand mein Mund, suchen nach dir …… die Erinnerung liebliche, das Moos mit bloszen Füszen, das Moos, ich habe dieses Buch verzückterweise.

Wo find ich Reh bist du Reh? irgend ein Gedicht ist auf dem Boden gelegen : immer diese Worte die mir entschwinden, so, Zünglein es bangt mir um dich, als wäre das entschwundene Wort : die entschwundenen Worte wieder aufgetaucht : es war aber nur ein Hauch oder Wunde,

 

Der Text weist gleich in zwei Richtungen über die Grenzen der Sprache hinaus. Bei gleichzeitiger Reduktion des Wortschatzes und Explosion des Sprach-Materials ist er ausgerichtet auf doppelte Unendlichkeit.

 

Vom „Alphabetismus zur Malerei“ – Wort-Musik und Sprach-Malerei

 

Die Kunst sei ihr alles. Es gehe ihr darum, die Worte als Worte auszustellen, ohne ihren Sinn zu entfalten, bekennt die Autorin. Kappt man den Sinn der Wörter, entfalten sinnfremde Bedeutungen sich über Tonfall und Klangfarbe. Der Text wird zu Wortmusik und Sprachmalerei. Mayröckers Proème bewegen sich durch sämtliche Tonlagen. Der von Synkopen und emotionalen Interjektionen wie „ach“, „oh“ und „weh mir“ dynamisierte Sprechrhythmus wird von Klangähnlichkeiten angetrieben. Doch noch suggestiver als die Höreindrücke sind Mayröckers Sprachmalereien. Sie sei ein „Augenmensch“, so die Autorin. Die assoziativen Verbalträume ihrer halluzinativen Prosa rufen surreale Bilder zwischen Traumwelt und Tagtraum hervor, wie sie vor allem im Schaudern des Erwachens entstehen. Verschiedenste Traum- und Realitätsebenen, Erlebnisschichten und intertextuelle Verweise legen sich übereinander. Daraus entsteht eine multiperspektivische poetische Überblendung von vibrierender Unschärfe. Was in der Musik die Polyphonie, ist das mehrschichtige Übermalen in der Malerei. Der im Text mehrfach erwähnte Künstler Erwin Bohatsch, einer der wichtigsten Vertreter der österreichischen Interpretation der abstrakten Malerei, arbeitet in seinen Gemälden oft mit lasierenden Farben.

 

Im postmodernen Bewusstsein, dass Schreiben nur ein Akt des Zitierens, des Wiederholens der einen Sache ist, die schon andere zuvor wiederholt haben, verwebt Mayröcker in ihrem neuen Band auffällig gehäuft Verweise auf von ihr verehrte bildende Künstler und ihre Kunst. Gleich zu Beginn weist Mayröcker selbst auf ihre Neuausrichtung „vom Alphabetismus zur Malerei“ hin. Mehrfach wünscht sie sich, sie „wäre am liebsten; ein Maler gewesen“. Doch die Sprachbilder beschränken sich nicht nur aufs Visuelle. Je begrenzter der sich mit dem Alter einschränkende Erfahrungsraum der Autorin, umso stärker verlagert sich der synästhetische Sinnesrausch in ihre Texte. „schon sind die collagierten Bildnisse zu riechen“ heißt es im Text. Und: „ich schmecke diese Erfüllung v.Sprache,“. An einer anderen Stelle läuft die Sprecherin „barfusz über den Pfad des Nadelwalds“. Je reduzierter das Lebensumfeld, desto stärker explodieren die Sinneseindrücke im Text:

 

„du sagtest »Dach oder Plateau« das Dach Vordach Mütze der ALBERTINA = Kunsttempel, Curry wie Putzlappen auf der Anrichte = Kredenz : flehentliches gelb auf der Fensterbank, Radieschen und Erdbeere : stürmisches rot auf dem Feldbett, hocke in meinem Feldbett und skizziere Bouquet v. Sprache nämlich erkannte dasz diese Büsche v. Sprache einen Duft aussandten, ich meine : unter Tränen erfuhr ich dasz dieses ärmellose Glücksgefühl. Nun ja es gab vermutlich einen Zusammenhang zwischen den Generationen v. Farbe und den Geweihen an der Wand des Landgasthauses …… am Morgen eine Übelkeit beim Anblick der Farbe violett in einem Schüsselchen (…)


wie ich mich hinschleppe! rosiger Hahnenschrei, die Kunst des Cy Twombly z. B., ich habe jeden Sommer, diese Jasminblüte im Stadtpark versäumt ach reisze mir die Brust auf. Indes die brennenden Katzen in Rom, tropfenden ja! tropfenden Glyzinien von den Balustraden, Tintchen v. Glyzinien violette Entrükkung, weiszt du …… lümmelnd am Küchentisch, damals hatte die schwarze Tellerkappe auf : die mich nicht kleidete : hör mal! : die mich nicht kleidete, solch bengalischer Wald, solch Spracharbeit


WILD und KONKRET (…)“

 

Mehrfach verweist Mayröcker auf Konzeptkünstler. Wie Marcel Duchamp und seinen legendären Flaschentrockner. Oder die englische Bildhauerin Rachel Whiteread, die mit Abdrücken von Alltagsgegenständen arbeitet. Auch der immer wieder im Text präsente spanische Künstler Antoni Tàpies integrierte Dinge des Alltags in seine Gemälde und modellierte mit Texturen aus Sand, Farbe und Marmorstaub. Mayröcker stellt sich in ihre Tradition. Wie Ponge, der über ein Glas Wasser schreibt, widmet sie ihrer morgendlichen Kaffeetasse ein Proème: „Dasz eine weisze Plastiktasse mit Henkel mein ganzes Glück“. Selbst „Ein Stosz Teller gesichtet auf dem Küchenhocker, so transzendent“ kann zu Kunst werden. Mit dem Ziel moderner Kunst, die Welt in ihrer Banalität und mit ihrem Chaos in die Kunst hineinzulassen, wird auch und gerade das Fragmentarische Bestandteil des künstlerischen Prozesses. „was zählt sind die unvollendeten Sätze“, heißt es hier bei Mayröcker. Fehler werden zur Quelle der Inspiration. „wenn ich mich VERLESE, ist alles gerettet; wenn ich mich VERHÖRE ist alles gerettet“, sagt die Sprecherin. Der Zufall wird für die Kunst konstitutiv. Sie schreibe, so erklärt die Sprecherin, „als ob ich eine Handvoll Murmeln, im Sand usw.“

 

„Knospenkreuzigung“ – sich über den Tod hinaus sprechen

 

Mayröckers literarisches Verfahren: Dekonstruktion sprachlicher Linearität durch Assimilation natürlicher Prozesse. Die Natur kennt keine absoluten Gegensätze, nur fließende Übergänge. Ihr poetisches Projekt ist die quasi natürliche organische Auflösung scheinbar unüberbrückbarer Grenzen; zuletzt sogar der absolutesten zwischen Leben und Tod. Das Sterben wird zur „Knospenkreuzigung“ umdefiniert. Ziel ist das Re-Framing des Todes als Beschwörung zyklischen Neubeginns.

 

„weiszt du, abgeknickt oder kniend im Bett schreibe ich alles nieder, weh mir die Herbstgirlande in meinem Kopf, bist erlaucht und durchlaucht, weine mich durch die Nächte (meine Sprache vergraben in einem Grasbusche bin am Ziel meiner Träume angekommen),


indes der Orion.“

 

So verabschiedet sich Friederike Mayröcker im vorletzten Proème als Sternbild vom Leser. Nach einer Sage der griechischen Mythologie wanderte Orion blind nach Osten, um von den Strahlen der Morgensonne geheilt zu werden. Indem Mayröcker die abnehmenden Konstanten spiralförmig um die drohende Stille kreisen lässt, nähert sie sich einem von Wort-Sternschnuppen leuchtenden poetischen Leerlauf, der den endgültigen Stillstand ankündigt. -
Nicht erst seit „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ gehört Friederike Mayröcker mit ihrer Lebens-Dichtung zu den Unsterblichen. Bleibt die Hoffnung, dass ihr Stern uns Sterblichen noch eine lange Weile leuchten möge.

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