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Die Sprache bekommt ein Kind

Kerstin Preiwuß: Gespür für Licht. Gedichte. Berlin Verlag 2016. 128 Seiten.

Sendung vom 08.03.2016 im Deutschlandfunk, Büchermarkt
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2017/03/08/kerstin_preiwuss_gespuer_fuer_licht_gedichte_dlf_20170308_1623_e41ce918.mp3
Beitrag hören  (Zitate gesprochen von Christina Pucciata)

 


Kerstin Preiwuß ist eine junge Stimme in der deutschsprachigen Literatur. 1980 in Lübz geboren, studierte sie zunächst für ein Jahr Germanistik, Philosophie und Psychologie in Aix-en-Provence, später bis 2009 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Dort lebt sie auch heute mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern. Preiwuß schreibt Lyrik, Prosa und Essays. Seit 2010 ist sie Herausgeberin der Literaturzeitschrift Edit. 2008 erhielt sie das Hermann-Lenz-Stipendium, 2012 wurde sie mit dem Mondseer Lyrikpreis ausgezeichnet. Auf Einladung der Jurorin Meike Fessmann nahm Preiwuß 2014 an den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Im gleichen Jahr veröffentlichte sie ihr Romandebüt „Restwärme“. Nach ihren Gedichtbänden „Nachricht von neuen Sternen“ und „Rede“ ist jetzt ein neuer Lyrikband von ihr erschienen. Er trägt den Titel „Gespür für Licht“.

 

In Wirklichkeit gibt es kein schwarz-weiß. In Wahrheit gibt es keinen Anfang und kein Ende. Es ist die Sprache, die hinter jeden Satz einen Punkt setzt. Und jedes Satzende zu einem Akt der Gewalt macht. Die Worte sind es, die uns absolute Finsternis sehen lassen, wo in Wirklichkeit nur Abstufungen von Dunkelheit sind. Im Sprechen dagegen geraten Sprache und Denken in Fluss. Werden zur einzigartigen Sprachmelodie in der Stimme jedes Einzelnen. Kinder, noch bevor sie von sich selbst wissen, besitzen ein absolutes Gehör für die Modulation der Stimme und ein Gespür für Licht und seine Schattierungen. Davon erzählen die Ungeborenen in Kerstin Preiwuß „Gespür für Licht“ ihren Müttern, während diese sie austragen.


Aalmutter fang an dann rede ich.
Ich spreche nicht nützlich.
(…)
Ich habe kein Gespür für mich selbst
Aber ein Gespür für Licht
Ich bin ich auf der Welt
Das zu sagen bedeutet nichts.
(…)
Die Worte die ich denke hören mich vibrieren.
Ich sage Aalmutter fang an zu zittern.
Ich zitier dich dann.


"Gespür für Licht" nennt Kerstin Preiwuß ihre neuen Gedichte. Sie erzählen vom Verlauf einer Schwangerschaft. Und folgen dem natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen entlang der vier Jahreszeiten. Die Autorin entwirft hier ihre ganz persönliche, originär weibliche poetologische Standortbestimmung. In der Schwangerschaft begreift sich die lyrische Sprecherin als „Frau vom Stamm der Frauen“. Wie auf ihr Kind „gepfählt“, fühlt sich die Mutter als „eine Höhle davor eine leere Hülle danach.“


Mein Walnusskind.
Dein Atem stößt sauer auf.
Mein heimliches Kind.
Du atmest Milch aus.
Bin ich entkernt warst du der Kern
Ein Däumling nur.
(…)


Das im Bauch heranwachsende Kind eröffnet der Mutter einen ganz neuen Blick: nicht nur auf das eigene Ich, sondern auch auf das Schreiben von Gedichten. In der Schwangerschaft begreift sie: Auch Dichten ist kein statisches Abbilden persönlicher Befindlichkeiten, sondern ein nie abschließbar Vorgang gegenseitiger Modulationen. Es ist ein „schwanger gehen“ und „auf die Welt bringen“ von Wortkindern. Beim Austragen verändern sie die eigene dichterische Weltsicht. Diese persönliche Erfahrung macht Kerstin Preiwuß in „Gespür für Licht“ zu Poesie.


(…)
Was ist Gebären anderes als Anfang und Ende von allem.
Immer wieder beäugen sich Kind und Welt
voll großer ungenauer Einzelheiten.
Ein Punkt der sich auf den Weg macht
Ist bereits ein Strich von einem Bild.


„Ja, der fliegende Pfeil ruht.“, zitiert Kerstin Preiwuß den antiken Philosophen Zenon in ihrem poetologischen Essay zum Gedichtband „Gespür für Licht“. Auch Lyrik sei nicht nur Zustand, sondern auch Geschehen, folgert die Autorin. Deshalb können Gedichte einzelne Bewegungen festhalten und dennoch Teil einer großen Erzählung sein. Gedichte so zu lesen sei ungewohnt, meint die Autorin. Folge aber der paradoxen Struktur einer Realität, die auch im Stillstand immer im Fluss bleibt. Wie das Ich selbst, das sich in ihr bewegt.


(…)
Ich will verschwimmen bis ich unsichtbar bin.
Wie Wasser im Fluss nicht zu erkennen
Wann es an Fahrt gewinnt
und wie es vor und zurückschnellt.
(…)


Mit dieser Position setzt sich Preiwuß deutlich von ihren eigenen literarischen Anfängen ab. Dort vergleicht sie ihre Idee vom Gedicht noch mit einem Scherenschnitt von Matisse. Jetzt dagegen erklärt die Sprecherin in ihren Versen, sie wolle „aus Licht und Schatten / keinen Umriss mehr machen / wie bei einem Scherenschnitt“. Die Mutterschaft hat auch das Verhältnis der Sprecherin zur Sprache verändert. Die Sprache selbst wird körperlich. Und unterliegt damit wie sie dem natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen.


Im Frühjahr war meine Zunge mit Knospen bestückt.
Im Sommer stach Gras aus ihr an das ich mich band.
Im Herbst wuchsen Pilze darauf
und verbreiteten den Geruch von Moder
Nun ist es Winter und mir geht unter die Haut
was sie sagt.


Die Natur spricht ihre eigene Sprache. Ein Ende ist hier nie nur ein Ende. Sondern der Übergang zu etwas Neuem. Der Winter ist für die Autorin deshalb Zeit der Hoffnung. Auf winterlichem Eis würde sie gerne einmal „auf die unbenutzte Seite einer Metapher schlittern“, wünscht sie sich in „Gespür für Licht“. Kerstin Preiwuß eigenwilliger Schlittschuhlauf „mit Versen an den Füßen“ ist mutig und gekonnt. Selbstkritisch genug fügt sie allerdings hinzu: mal bricht das Eis, mal halte es sie.


Kerstin Preiwuß Gedichte „Gespür für Licht“ sind aus dem Bauch heraus gesprochen. Wenn das Ich spricht, atmet das Ungeborene ihm nach. Die Verse sind ein stummer Dialog mit dem Kind. Im Vertrauen auf ein Sprechen, das seinem untrüglichen Gespür für Licht folgt. Doch Preiwuß Lyrikband ist keine unreflektierte Hymne an das Mutterglück. Denn die „Mitgift auf Lebenszeit“ ist nicht nur Hoffnung, sondern auch Bedrohung. Der wachsende Bauch wird mehr und mehr zur Last. Und die Sprecherin wartet immer sehnsüchtiger darauf, „dass alles endet und endlich beginnt.“ „Die Sprache bekommt dann ein Kind“, heißt es in Kerstin Preiwuß „Gespür für Licht“. Das klingt seltsam. Und befremdlich schön

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