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Morgen mehr - dem Autor beim Schreiben zugucken

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Roman. Hanser Verlag 2016. 208 Seiten.

Interview mit Tilman Rammstedt zu „Morgen mehr“ - 20-Min – Interviewerin Michaela Schmitz

http://www.deutschlandfunk.de/literatur-event-morgen-mehr-es-ist-vielleicht-mein.700.de.html?dram:article_id=372048

 

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Der Berliner Autor und Musiker Tilman Rammstedt, der 2008 für Auszüge aus seinem Roman „Der Kaiser von China“ den Bachmannpreis gewann, ist für seine chronische Schreibhemmung bekannt. Zuletzt erschien 2012 sein Roman „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“. Anfang dieses Jahres hat sich der 1975 geborene Rammstedt als Therapie gegen seine Schreibschwierigkeiten das dreimonatige Online-Schreibprojekt „Morgen mehr“ verordnet. Von Januar bis April schrieb Rammstedt unter den Augen der Öffentlichkeit sein neues Buch. Der Fortsetzungsroman entstand Tag für Tag. 64 Kapitel - begleitet von Emojis, Autoren-Selfies und täglichen Lesungen. Die Leser konnten per Email, WhatsApp oder im Internet mitlesen und im Forum mitdiskutieren. „Morgen mehr“ heißt auch das daraus entstandene neue Buch, das jetzt im Handel erhältlich ist. Als reiner Text. Dem man seine Entstehung nur anmerkt, wenn man davon weiß.

 

Michaela Schmitz: „Morgen mehr“, das Projekt. Ich würde gerne Fragen stellen zum Literaturevent, dem Online-Schreiben, dem gedruckten Buch. Und danach ein bisschen in den Text reingehen, zu den Erzähltechniken, zum Sprachstil. Drei Monate Literatur-Event „Morgen mehr“. Wenn Sie jetzt zurückblicken: Wie haben Sie das tägliche Scheiben über drei Monate, 64 Tage, erlebt?

 

Tilman Rammstedt: Ich glaub, ich bin jetzt schon im Verklär-Modus. Jetzt, rückblickend würde ich schon sagen, es war alles wundervoll. Oder viel besser als gedacht. Auf jeden Fall viel, viel besser als befürchtet. Wenn ich ein bisschen länger überlege, fällt mir schon ein, wie anstrengend manche Tage waren. Anstrengung ist ja noch okay. Aber auch Tage, wo ich zweifelte, ob das alles wirklich so eine gute Idee war. Nicht, weil ich an dem Tag einfach gar keine Lust zum Schreiben hatte, das kann mal ja ausblenden, sondern, oh je, ob das dem Buch überhaupt gut tut. Denn daran musste ich mich ja immer erinnern. Es sollte jetzt nicht nur ein öffentliches Schreiben als Selbstzweck sein, als Unterhaltung, sondern ich wollte ja wirklich mein nächstes Buch so schreiben. Und es gab Momente, wo ich dachte, oh, ich brauch jetzt eigentlich ne Pause, ich muss nachdenken, ich will nachdenken, das brauch ich für dieses Buch. Ich hab keine Zeit nachzudenken. Und dann kommt am Ende etwas raus, für das ich mich schäme. Diese Momente gab‘s auch. Und deshalb. Ich hatte große Angst vor dem Überarbeiten. Und da gab es auch Momente, wo ich dachte, hui, das war alles nichts. Die sind ganz normal, die hab ich bei jedem Überarbeiten, wenn ich überhaupt zum Überarbeiten komme bei meinen Büchern. Aber es gab auch den Moment, und der war sehr neu und sehr schön, wo ich zurückblickte und dachte, nein, das ist eigentlich – ich find das sehr stimmig, dass es so geworden ist, wie es jetzt geworden ist. Es ist ein Buch, was ich sonst nie geschrieben hätte. Ein Buch, das ich nie geschrieben hätte, wenn ich es nicht auf diese Weise, täglich, unter den Augen der Öffentlichkeit geschrieben hätte. Und das war ja die Grundidee.

 

Michaela Schmitz: Ich spring jetzt trotzdem noch mal kurz zurück. Und zwar waren das ja nicht nur die Texte, die Sie schreiben mussten, sondern auch die Selfies, die Lesungen und Sie haben sich ja auch im Forum immer wieder eingemischt. Sie haben ja eine richtige Kunstfigur „TR“ geschaffen. Wie hat sich das angefühlt, da als Kunstfigur aufzutreten?

 

Tilman Rammstedt: Das war mir ja klar, dass ich eine Kunstfigur sein würde. Das hab ich ja selber ja auch beabsichtigt Ich wollte ja nicht so tun, als ob das eins zu eins ich bin. Gerade jetzt bei diesen Selfies. Die Selfies waren etwas, an die ich vorher überhaupt nicht gedacht hatte. Ich hatte ja gedacht, wie ich die Tage strukturiere, wie ich das mache mit dem täglich schreiben. Ich hab über das Einlesen haben wir natürlich nachgedacht. Da haben wir Technik getestet. Und Selfies, das war vom Verlag auch so: Ja, da machst Du jeden Tag ein Foto. Und darüber haben wir nicht viel weiter nachgedacht. Bis es dann dazu kam. Okay, jetzt muss ich da jeden Tag ein Foto von mir posten. Das ist mir eigentlich sehr unangenehm. Ich bin jemand, der nicht mal auf Facebook sein Gesicht zeigt, obwohl das doch so heißt. Und deswegen wurde das plötzlich zu so einer Kunstform, dass ich mir jeden Tag etwas dazu überlegen musste. Aber natürlich war ich zu sehen. Und dann inszenierte ich mich dort natürlich auch. Und nicht, sehr selten, wo wie ich mich vielleicht selber sehen würde, sondern auch halt als der müde Schriftsteller, als der Melancholiker, wie auch immer. Und das ist natürlich, das zusammen, wie ich mich dann in den Kommentaren äußerte, und dann meiner Stimme auf der Tonspur, das sind natürlich all die Dinge, die sich um den Text herumgruppierten, und die auf mich Rückschlüsse führen ließen , wo ich aber sehr beruhigt bin, wenn das sozusagen als Kunstfigur wahrgenommen wird.

 

Michaela Schmitz: Sie haben nie zurückgeblättert. Aber Sie haben ja jetzt eben schon ein bisschen dazu gesagt, als Sie – eben nicht wiedergelesen – sondern erstmals geschaut haben, in das was Sie geschrieben haben:

 

Tilman Rammstedt: Das war der Moment der größten Angst nach dem Anfang eigentlich. Wo ich dachte, hui, was ist, wenn ich das jetzt lese. Das ist ja, damit kann ich gar nichts anfangen, oder da sind so viele Baustellen, dass ich gleich kapituliere. Ich hatte schon gedacht, dass ich einen Überblick darüber hatte, dass ich mich an das meiste erinnerte und genau wusste, welche Stränge Bearbeitung brauchten und welche hoffentlich weniger, welche Dinge angeglichen werden müssten, wo ich dann am Anfang anderes vorhatte, als ich dann zum Schluss eingelöst hatte. All so was. Ich glaubte, ich hatte den Überblick. Und ich hatte ihn tatsächlich auch. Es gab eigentlich wenig Überraschungen. Es gab jetzt nicht etwas, wo ich dachte, hui, das hab ich ja jetzt vollkommen vergessen. Das war schon mal sehr beruhigend, aber trotzdem war das die schwierigste Zeit in dem ganzen Projekt, war die erste Zeit beim Überarbeiten. Wo es genau darum ging, aus etwas, was natürlich sehr schnell entstanden war, aber dann in sich dann doch stimmig war, weil es ja diesen Experimentiercharakter hatte, wo es ja nicht darum ging, dass jetzt unbedingt alles so nahtlos aufeinander passen musste, sondern dass diese Bruchstellen auch ein bisschen Teil des Projekts waren. Dass ich aus diesem Text jetzt plötzlich einen Text machen sollte, der genauso für Leser funktioniert, die nicht mitgelesen hatten, die überhaupt nicht wussten, wie dieser Text entstanden ist, die jetzt einfach einen ganz normalen Tilman-Rammstedt-Roman lesen wollten. Und da hatte ich selber Schwierigkeiten sozusagen, in den Text einzugreifen. Nicht aus Ehrfurcht, sondern jetzt nicht zu wissen: Okay, entweder muss ich jetzt noch mal völlig neu anfangen, dann brauch ich ein Jahr Zeit. Oder ich wisch kurz drüber. Aber dieses komische Zwischending, ein paar Wochen zum Überarbeiten haben, mit der konnte ich am Anfang nicht so gut umgehen. Und dann war es aber doch irgendwie klar, wo ich wusste: Die Teile will ich mir noch mal neu anschauen. Es gab natürlich ein paar Kapitel, die ich an Tagen geschrieben hatte, wo mir wenig einfiel, oder, wo es zu sehr um die Art des Schreibens ging, und nicht so sehr um die Geschichte. Wo auch völlig klar war, dass die ersetzt werden müssten. Und es gab dann noch so ein paar Ideen, die ich dann beim Überarbeiten hatte und wo ich froh war, dass ich die noch mit einbringen konnte.

 

Michaela Schmitz: Meinen Sie, man merkt dem Buch jetzt die Entstehungsweise noch an?

 

Tilman Rammstedt: Also, mein Wunschdenken wäre, dass man es ihm nicht anmerkt, aber, --- oder, dass man es dem Buch erst anmerkt, wenn man weiß, wenn man davon gehört hat, wie es entstanden ist. Oder, um das zu erklären. Das ist ein Buch, dass man so lesen kann, und denkt, ja, vielleicht hat er ja auch zwei Jahre daran geschrieben oder acht Jahre, oder wie auch immer. Und wenn man dann hört, das ist aber Tag für Tag in drei Monaten entstanden, dass man dann denkt, okay, das ergibt Sinn. Eine bestimmte Art von Schnelligkeit, eine bestimmte Art von, also kurze Kapitel, eine Dringlichkeit darin, eine mich selbst überraschende Anzahl von Cliffhängern, mit denen ich vorher noch nie gearbeitet hatte. Die ich natürlich auch nie benutzt hätte, wenn es nicht auf diese Weise entstanden wäre. Ja, oder auch eine bestimmte Art von Humor, der, ich glaub, auch nur dann entsteht, wenn er nötig ist. Das ist das, was sozusagen alles nur im Positiven in das Buch eingeflossen ist. Das wär auch meine Hoffnung.

 

Michaela Schmitz: Sie wollen das aber nicht offensiv ins Buch einbringen? Also, ich hab jetzt kein Vorwort und kein Nachwort gesehen – vielleicht ist es ja noch geplant –, wo erklärt wird, wie dieses Buch entstanden ist. Auch der Titel „Morgen mehr“ ist ja eigentlich nur zu verstehen, wenn man das Projekt kennt.

 

Tilman Rammstedt: Da hatte ich auch kurz überlegt. Weil mich einige gefragt hatten, heißt das Buch immer noch „Morgen mehr“? Und dann hab ich gesagt, ja kar, es ist so angekündigt, es wär auch blödsinnig, es jetzt noch mal zu ändern. Und dann dachte ich drüber nach. Es geht ja schon um die Hoffnung auf eine Zukunft. Und es geht auch um ein ganz konkretes Morgen. Es geht um ein ganz konkretes Heute: über den längsten Tag der Welt. Und dass am nächsten Tag alles besser ist und alles anders wird. Und dass da ein neues Leben beginnen kann. Und deswegen find ich „Morgen mehr“ natürlich einen sehr treffenden Titel, der aber natürlich mit diesem Fortsetzungsschreibcharakter im Hinterkopf entstanden ist. Aber sonst, das war eine Grundsatzentscheidung, dass es nicht darum geht, jetzt eine Experimentdokumentation hier zu machen. Also, nicht die Selfies reinzunehmen, nicht die Kommentare reinzunehmen, auch keinen Banner drauf zu machen „Dieses Buch ist in drei Monaten entstanden“ oder sowas. Sondern, es war ja von Anfang an, so wurde es ja auch das Internetprojekt, das Schreibevent, wie Sie es genannt hatten, angekündigt: Ich schreibe hier mein neues Buch. Ich schreibe nicht ein Buch in drei Monaten, sondern, nein, ich schreib hier meinen neuen Roman, und ich schreib den halt öffentlich. Und damit ist es am Ende auch mein neuer Roman. Für den es dann eigentlich nicht mehr wichtig ist, wie er entstanden ist.

 

Michaela Schmitz: Was unterscheidet dieses Buch am meisten von Ihren anderen Büchern?

 

Tilman Rammstedt: Ich kann‘s nicht richtig sagen. Auf eine Art. Es ist vielleicht mein klassischster Roman. Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Also, er ist der einzige, der linear erzählt ist. Es gibt kaum Rückblenden. Mir fällt eine einzige Rückblende gerade ein. In anderen Romanen hab ich viel mit Rückblenden gearbeitet. Es gibt zwar verschiedene Stränge, die aber zeitlich alle gleich sind. Es gibt eine ganz klare erzählte Zeit, im gedruckten Buch wirklich vierundzwanzig Stunden. Ja, und es gibt eine klare Anzahl von Charakteren, und einen klaren Beginn der Geschichte und ein klares Ende der Geschichte, und das find ich seltsam, dass – Die Umstände waren so experimentell, dass daraus etwas entstanden ist, dass dann vielleicht am klassischsten geworden ist, von all dem, was ich bisher geschrieben hab.

 

Michaela Schmitz: Wird diese Schreiberfahrung Ihr zukünftiges Schreiben verändern, was meinen Sie?

 

Tilman Rammstedt: Ich bin gespannt. Das war ein bisschen auch meine Hoffnung. Es sollte ja, das hat jetzt sozusagen, für die Leser jetzt vielleicht nicht von Belang, aber für mich wars sehr von Belang, hat das natürlich auch alles einen therapeutischen Charakter gehabt. Es ging darum, meine Selbstzweifel in klare Schranken zu verweisen. Ihr habt jetzt nicht mehr Wochen Zeit, Ihr habt nur noch ein paar Stunden am Tag Zeit. Und dann müsst ihr wieder die Klappe halten. Um mir auch zu zeigen, wie schnell, und einigermaßen strukturiert ich doch etwas schreiben kann. Was ich sonst immer bezweifle bei mir. Aber ich muss schauen, ob ich sozusagen außerhalb dieser Handschellen, tatsächlich an den Schreibtisch gefesselt sein, drei Monate lang, weil es sonst alle sehen, dass ich nichts gemacht habe, ob das was bringt. Oder ob ich ab jetzt all meine Bücher so schreiben muss.

 

Michaela Schmitz: Was würden Sie denn jetzt gerne als nächstes schreiben?

 

Tilman Rammstedt: Es ist häufig bei mir so, dass ich in den Endzügen eines Buchs die Idee fürs nächste hab. Aber bisher wars noch nie so, dass ich die Idee dann wirklich verfolgt habe, aber --- In den letzten Tagen vom Überarbeiten hatte ich jetzt nicht die Idee fürs nächste Buch, nicht inhaltlich, sondern auch wieder eine formale Idee, und die natürlich auch wieder so dieses Serielle, etwas Spielerische zum Thema hat. Oder eine Idee, die auch wieder seriell und spielerisch ist, wie diese Idee es ja auch hatte, diese Formidee. Das heißt, so schlimm, so traumatisierend kann es für mich nicht gewesen sein.

 

Michaela Schmitz: Jetzt noch mal zum Text selber. Das war ja jetzt so ein bisschen das Drumherum. Thema Erzählformen und Erzähltechniken. Der Tristram-Shandy-Effekt ist ja auch im Forum schon mehrfach erkannt und genannt worden. Was hat Sie besonders daran gereizt, aus der Perspektive eines Ungezeugten zu erzählen?

 

Tilman Rammstedt: Diese Idee war auf jeden Fall meine Rettung, als ich wirklich zwei Tage, bevor es losging, immer noch nicht so genau wusste, wovon ich erzählen sollte, und das schien mir ein klares und verspieltes Problem gleichzeitig zu sein: Jemand muss für seine eigene Zeugung sorgen. Und ich glaube, es war eine Idee, wo ich ahnte, da fällt mir genug zu ein. Das ist immer das Wichtigste bei meinen Büchern, bei den Grundideen: Ich brauch gar nicht ne durchgehende Geschichte als Grundidee und auch gar nicht unbedingt ein Thema, sondern so einen Möglichkeitsraum. Wenn ich ausspreche, weiß ich schon, ah, da werd ich keine Probleme haben, genug Ideen zu zu finden. Manchmal lieg ich damit komplett daneben. Aber meistens zum Glück nicht. Und das war so eine, wo ich dachte, okay, das ist spielerisch genug, damit ich all meine Fabulierlust da reinlegen kann; und klar genug, dass ich mich nicht zu sehr zerfranse. Es geht wirklich darum, jemand muss für seine Zeugung sorgen, dass heißt, es bieten sich neben dem Erzähler, der das erzählt, auch noch zwei andere Figuren an, die sich sozusagen aufdrängen, nämlich der werdende Vater und die werdende Mutter. Die anderen Figuren, die sind dann ja erst später gekommen, die dann ja auch größer oder kleiner wurden, als ich sie angedacht hatte. Aber das war diese Mischung aus Klarheit und Verspieltheit, das, was mich da am meisten dran interessiert hat.

 

Michaela Schmitz: Das hat ja auch so einen ganz klar konjunktivischen Charakter. Also es ist quasi die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die noch in der Zukunft liegt.

 

Tilman Rammstedt: Das stimmt, die Liebe zum Konjunktiv, die zieht sich etwas durch. Aber auch tatsächlich das andere Thema, was ich auch tatsächlich schon mitschwingen hatte, wo ich aber noch nicht so genau wusste, woran ich das festmachen sollte, war ja dieses Thema Zeit. Tatsächlich, mir war aus irgendeinem Grund klar, ich wollte das in den siebziger Jahren spielen haben. Aber mir war auch klar, ich wollte keinen historischen Roman über die siebziger Jahre schreiben. Ich wollte auch gar nicht da jetzt wild recherchieren, wie das dann genau aussah und was es gab und was nicht, das hab ich natürlich manchmal gemacht. Aber es ging jetzt nicht um ein Zeitkolorit, sondern um eine Kulisse. Und natürlich auch um die Kulisse einer Zeit, von der ich jedenfalls von meiner jetzigen Wahrnehmung, – das Jahr 1972 hab ich nicht erlebt, ich bin 1975 erst geboren – aber, wo die Vorstellung der Zukunft noch eine ganz andere war als wir sie jetzt hatten. Wo es wirklich noch so eine , wo gerade, vielleicht das letzte Jahr der großen Zukunftshoffnung. Und das spiegelt sich auch in dem Erzähler wieder, der unbedingt gezeugt und geboren werden möchte. Das heißt, er hat große Hoffnung in seine Zukunft.

 

Michaela Schmitz: Sie spielen mit sehr vielen experimentellen Textsorten. Wie ich sie jetzt im „Kaiser von China“ so nicht wiedergefunden habe. Waren das Kreativtechniken, um der Schreibhemmung ein Schnippchen zu schlagen?

 

Tilman Rammstedt: Es war eine der Hoffnungen, die ich von vorneherein in dieses Projekt hatte. Es ging ja darum, aus der Not eine Originalität zu ziehen. Also die Not, mir muss heute was einfalle. Und wenn die klassische Geschichte jetzt nicht weitergeht, und mir da nichts Gutes zu einfällt gerade, - oder es gab auch einfach Tage, wo es mir schwerfällt zu schreiben, schlechte Tagesform, und wo ich mich dann in andere Bereiche bewegen muss – und dass ich da hoffte, dass ich dort auf Dinge komme, die ich sonst nicht machen würde, weil ich sie mich entweder nicht trauen würde oder weil ich vielleicht gar nicht drauf komme, weil ich einfach die Geschichte weiter erzähle und wenn das nicht geht, mach ich einen Tag Pause. Und da war ich ganz froh, dass ich diese Form, dass ich sie tatsächlich nötig hatte. Dass ich Interviews mit unbelebten Gegenständen oder sprechende Emotionen – all das, was ich auch gerne in Literatur hab, diese Verspieltheiten -, dass die in dieses Buch so gut passten. Wenn es irgendwo fünf Uhr nachmittags war und ich hatte noch nichts. Dann dachte ich, okay, heute wird es mal wieder Zeit für einen Plan B. Und dann musste ich mir halt einen Plan B überlegen. Da hatte ich kein Dokument, wo ich reinschauen konnte und sagen: Okay, was sind denn meine Auswegsituationen oder meine Lösungen für solche Tage? Sondern die mussten dann halt auch an dem Tag kommen.

 

Michaela Schmitz: Stichwort „TR-Sound“. Man liest Ihre Texte anders, wenn man Ihre Lesungen kennt. Wie wichtig ist Ihnen beim Schreiben dieser Bezug zum Sprechen?

 

Tilman Rammstedt: Sehr. Und, ja, auch immer noch. Ich dachte, das wäre bei der Kurzform, mit der ich angefangen habe zu schreiben, wäre das wichtiger. Aber tatsächlich auch in den Romanen. Ich glaub, es gibt eine ganz einfache Begründung dafür: Dass ich angefangen hab für Lesebühnen. Das heißt, wo wir einmal im Monat neue Texte vorgelesen haben, und das waren halt Unterhaltungsabende, das ist jetzt keine ernste Dichterwerkstatt, sondern da ging es einfach darum, einen Unterhaltungsabend mit literarischen Texten zu machen. Das heißt, ich schrieb die Texte, von denen ich schon wusste, es ging darum, dass sie vorgelesen werden, und zwar von mir. Und das sorgt dafür, dass die Vorlesbarkeit immer auch ein wichtiger Aspekt war. Und als ich dann angefangen hab. Bücher zu schreiben. Also Bücher, von denen ich jetzt nicht mehr davon ausgehen konnte, dass ich der Einzige wäre, der sie vorlesen würde, sondern dass sie halt Leute auch still zu Hause lesen, mit einer eigenen Stimme im Kopf, da war halt die Kunst, sozusagen beim Formulieren dafür zu sorgen, dass trotzdem dieser Sound hörbar bleibt. Und das ist natürlich auch meine Art zu schreiben. Das ist auch meine Art zu überarbeiten, ja, auf jeden Fall. Dass ich mir den Text immer wieder laut vorlese und rhythmische Änderungen mache.

 

Michaela Schmitz: Sprachphilosophisches kommt ja in ihren Texten ja auch vor im Spiel mit der Sprache. Man hat den Eindruck, Sie nehmen die Sprache beim Wort. Ich habe in anderen Interviews gelesen, dass Sie Peter Bichsels „Kindergeschichten“ angeregt haben. Was haben Sie von Peter Bichsel gelernt?

 

Tilman Rammstedt: Ja, ich glaub, all das, was ich jetzt hoffen würde, dass es auch mein Schreiben auszeichnet oder was mir dann häufig nachgesagt wird. Einerseits auch tatsächlich ein Sprachrhythmus – er hat zwar einen anderen, aber ich hab diese Geschichten oder Kindergeschichten von Peter Bichsel zunächst jahrelang auf Schallplatte gehört, bevor ich sie zum ersten Mal leise gelesen hab, und dann konnte ich sie schon so auswendig, dass ich sie genau in seiner Stimme gehört habe, und da war mir der Singsang, den er als Schweizer da natürlich sehr gut mit reinlegen konnte, der war mir sehr wichtig, und auch selbst, irgendwie als Kind. Ich hab die auch zuerst als Kind gehört. Als Kind schien mir das vielleicht noch nicht so klar, aber ich muss es gemerkt haben, später hab ich gemerkt, dass natürlich diese Melodie auch inhaltliche Effekte produziert. Dass Humor, aber auch Traurigkeit auch über eine Sprachmelodie erzeugt werden und nicht nur über die Worte und über das, was die Worte bedeuten. Das heißt, das ist eine wichtige Erkenntnis, die ich bei Peter Bichsel, glaub ich, zum ersten Mal gehört habe. Und das andere ist dieses schöne Springen zwischen Melancholie und Humor. Und das konnte oder kann er in seinen Erzählungen meisterhaft und besonders meisterhaft in seinen Kindergeschichten.

 

Michaela Schmitz: Mir ist noch folgendes Muster aufgefallen: dass subjektive Empfindungen in den Texten umschlagen in universelle Erkenntnisse. Ist das eine Art „literarisches Kochrezept“ von Ihnen? So nennt Friederike Mayröcker ihre Schreibtechniken.

 

Tilman Rammstedt: Ich war grad ein bisschen nervös, als sie sagten, ein Muster erkennen. Weil ich, ---manchmal möchte ich meine eignen Muster nicht erkennen. Manchmal ist es großartig, sie zu erkennen, vor allen Dingen, damit man nicht immer wieder in die gleichen verfällt. Aber manchmal --- da ist ja dieser komische Aberglaube, dass, wenn man weiß, wenn man dann ganz genau weiß, was man da tut, dass es einem dann nicht mehr mit dieser Leichtigkeit gelingt. Und das war jetzt so ein Punkt. Ich mach das nie bewusst. Aber sobald sie es ausgesprochen hatten, sagte ich, wusste ich, ja, genau das mach ich. Das heißt, ich setz mich nicht hin, und bau einen Satz so: Okay, ich fang jetzt subjektiv an und dann wird es danach eine Welterkenntnis, aber, wenn ich den Satz vor mir liegen habe, dann merk ich schon, hier erfüll ich ein bestimmtes Muster, das ich gerne mache. Und aber, das ist für mich natürlich auch Literatur. Ich schreibe über Charaktere, ich schreibe über Figuren, die ein subjektives Empfinden haben, und die aber, weil sie ja über sich hinausstrahlen sollen, weil sie ja etwas vermitteln sollen, kippt das dann über in eine Erkenntnis über die Welt, die sich natürlich auch nicht ganz ernst nimmt, weil die Figuren bei mir das immer auch wissen. Dass es eigentlich nur ein subjektives Empfinden ist und dass man die Welt dann in dem Sinne, auch, wenn man es plötzlich verallgemeinert, immer noch subjektiv wahrnimmt. Das heißt, die Art der Abstrahierung sagt wieder mehr über die Figuren aus als über die Welt.

 

Michaela Schmitz: Skurriles und Abwegiges. Welche Bedeutung hat das Absurde in Ihrem Schreiben?

 

Tilman Rammstedt: Das Absurde vielleicht gar nicht so viel. Ich will jetzt nicht zu sehr wortklauberisch sein, weil ich da auch jetzt nicht so firm bin. Aber genau, das Skurille, schon sehr. Aber ich finde, auf jeden Fall einen Weltbezug sollte es schon haben für mich. Weil der Humor für mich nie Selbstzweck ist. Oder nur in manchen Fällen. Humor ist für mich literarisch auch immer ein Werkzeug. Von dem ich mich wundere, wenn er häufig so ausgelassen wird. Denn auch hier geht es darum, einerseits auf einer größeren Ebene ein Buch lesbar und unterhaltsam zu machen, was ich gerne mag als Leser, aber auch als Autor. Und andererseits auch, ja, gerade, wenns mir um ernste Dinge geht, ist es mir besonders wichtig, sie humorvoll zu erzählen. Einerseits aus dem Grund, dass ich immer denke: Ich kann Dinge nur dann besonders ernst nehmen, wenn, jedenfalls die Möglichkeit für, Humor auch darin steckt. Und dann aus dem vielleicht etwas pragmatischeren Grund, dass da natürlich die Effekte größer sind. Also, wenn ich in einer humorvollen oder fast albernen Passage, und dann wirklich, und dann ein ernster Satz reinkommt, dann wirkt er besonders. Oder ein tragischer Satz wirkt ja besonders tragisch in diesem Umfeld. Und andersrum genauso.

 

Michaela Schmitz: Es kommt ja nie ungebrochen vor. Der Humor ist ja immer mit Melancholie gepaart.

 

Tilman Rammstedt: Ja, oder wenn Sie gerade Mayröcker zititert haben. Da ist es so: In der Küche geht’s ja auch um Geschmacks-Kontraste. Und das nicht nur bei süß-sauer, sondern auch bei vielem anderen. Welche Dinge passen gut zusammen, gerade, weil sie sich überhaupt nicht ähnlich sind, weil sie sich fast ausschließen. Und so ist es beim Schreiben ja auch. Und da am klarsten, sagen wir mal, bei Humor und Melancholie.

 

Michaela Schmitz: Das Verhältnis des Autors zu den Romanfiguren: Mögliche Alter Egos gibt’s ja viele.

 

Tilman Rammstedt: Schwer zu sagen bei diesem Buch. Es ist ja auch das erste Buch, wo es zwar einen Ich-Erzähler gibt, der zwar, so gut wie gar nicht, eher ein allwissender Erzähler ist als eine Figur in dem Buch. In all meinen anderen Büchern gab es Ich-Erzähler, die tatsächlich auch Figuren im Buch waren. Und da bot sich natürlich die Frage sich eher an, sind Sie das Ich in der Geschichte. Was ich natürlich auch nie war, sondern immer nur etwas zwischen 37 und 77 Prozent. Bei diesem Buch hab ich mir bisher wirklich gar keine Gedanken gemacht, mit welcher Figur ich mich am ehesten, naja, identifiziere – ist wahrscheinlich das falsche Wort. Aber ich muss all meine Figuren verstehen, um sie schreiben zu können. Und es gibt Figuren, die sind natürlich etwas, die spielen mehr mit Stereotypen wie vielleicht der Möchtegern-Unterweltkönig Dimitri, aber genauso wie der ständig leidende Vater. Und Figuren, die eher vielleicht ein greifbares Problem haben, wie die um ihre Zwillingsschwester trauernde Mutter. Aber es ist eher so, jede Figur, die ich beschrieb, und da ging es auch um einmalige Nebenfiguren, ich weiß gar nicht mehr, wie ich ihn genannt hatte, den Grenzer – Clément Deneaux – den Grenzbeamten. Oder auch Dr. Rolf, der ja nicht viele Auftritte hat, aber deren Gedanken mir plötzlich sehr nah waren, wenn ich sie schilderte. Und das war das Schöne an diesem Buch, wo wirklich viele Figuren vorkamen, mehr als in allen meinen anderen Büchern: dass ich dort genug Möglichkeiten hatte, mich immer für Momente in sie hineinzubegeben.

 

Rezension

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Der Autor liest selbst:
Ein Ausschnitt aus dem Sechsundzwanzigsten Kapitel
Ein Ausschnitt aus dem Siebenundvierzigsten Kapitel

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