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Eine Vergangenheit, die noch in der Zukunft liegt

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Roman. Hanser Verlag 2016. 208 Seiten.

Sendung vom 22.11.2016 im Deutschlandfunk Büchermarkt, Redakteur Hubert Winkels
http://www.deutschlandfunk.de/tilman-rammstedt-morgen-mehr-sehnsucht-nach-leben.700.de.html?dram:article_id=372029

Lesungsausschnitte und Interview-Passagen mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Carl Hanser Verlags. Tilman Rammstedt, Morgen mehr, © Carl Hanser Verlag München 2016

 

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Als wenn es so etwas gäbe: sich nach einer Vergangenheit sehnen, die noch in der Zukunft liegt. Genau das ist es, was Tilman Rammstedts neuer Roman tut. Der Ich-Erzähler erinnert sich an sein Leben, das noch gar nicht begonnen hat. Denn er wurde noch nicht geboren. Ja, er ist noch nicht einmal gezeugt. Und doch weiß er schon jetzt, wie sein zukünftiges Leben verlaufen wird.


Ich weiß ja schon alles. Ich weiß, wie alles werden wird und mache mir dennoch Sorgen, weil man mit Sorgen nie verkehrt liegt. Ich weiß, dass ich knapp dreihundert Meter über dem Erdboden zur Welt komme. (…) und der Liebe meines Lebens im längsten Stau der Welt begegne. (…) Ich weiß, wie wenig ein Meer tröstet und wie sich fremde Haut anfühlt, wenn sie nicht mehr fremd ist. Ich weiß das entscheidende Gewitter und wie ich in der U-Bahn zum ersten Mal höre, dass ich alt bin. Ich weiß ein Wiedersehen nach vierundvierzig Jahren, und wie einfach auf einmal alles ist, wenn man in einen See springt. Ich weiß, wie ich mich zwischen zwei Lügen für die falsche entscheide.


So beginnt das erste Kapitel von „Morgen mehr“. Ein Roman, in dem die Gesetze der Zeit nicht zu gelten scheinen. Denn der Erzähler weiß nicht nur schon vor seiner Geburt von sich, wie Laurence Sternes Tristram Shandy. Hinzu kommt: Er muss sogar selbst für seine Zeugung sorgen. Dafür hat er nur genau einen einzigen Tag Zeit. Und nur einen ganz bestimmten, nämlich den längsten Tag der Welt: den 30. Juni 1972. Dabei geht es um die Sekunde. Um eine einzige um Mitternacht hinzugefügte Schaltsekunde, durch die im Sommer 1972 tatsächlich die koordinierte Weltzeit mit der mittleren Sonnenzeit synchronisiert wurde. Diese eine Sekunde zuviel liefert dem Erzähler das Potenzial für eine atemberaubende Geschichte im Wettlauf mit der Zeit, die in einem waghalsigen Zeitsprung gipfelt. Der Autor zum Thema Zeit in „Morgen mehr“:


Das andere Thema (…) war ja dieses Thema Zeit. (…) Mir war aus irgendeinem Grund klar, ich wollte das in den siebziger Jahren spielen haben. (…) , wo die Vorstellung der Zukunft noch eine ganz andere war, als wir sie jetzt hatten. (…) vielleicht das letzte Jahr der großen Zukunftshoffnung. Und das spiegelt sich natürlich auch in dem Erzähler wider, der unbedingt gezeugt und geboren werden möchte. Das heißt, er hat große Hoffnung in seine Zukunft.


Die Umstände sprechen allerdings nicht dafür, dass die zukünftigen Eltern sich überhaupt kennenlernen. Während der Vater gerade vom Frankfurter Möchtegern-Unterweltkönig Dimitri mit einbetonierten Füßen in den Main geworfen wird, ist seine Mutter kurz davor, einem schwermütigen Südfranzosen zu verfallen. Aber das ist nur der groteske Anfang einer Geschichte voller Skurrilitäten. Zunächst einmal muss der Vater den Zement an seinen Füßen loswerden. Dann seine Vergangenheit. Die heißt Claudia. Sie ist die Liebe seines Lebens. Das Dumme ist nur: Claudia ist frisch verheiratet. Und mit Bräutigam Fridtjof auf dem Weg nach Paris. Es beginnt eine wilde Auto-Verfolgungsjagd. Der Vater, Dimitri und ein geheimnisvoller Junge mit Notizbuch sind dem Brautpaar hinterher. Sie selbst werden von drei Männern im Pelz verfolgt. Die drei Ganoven sollen im Auftrag ihres Chefs Dr. Rolf einen rätselhaften Koffer zurückholen, der sich im Auto der Verfolgten befindet. Ein Crash würfelt alle Figuren neu zusammen. Dimitri entführt Fridtjof. Die Pelzmänner steigen zum Jungen ins Auto. Und der Vater läuft Claudia hinterher. Auf der Suche nach ihrem verschwundenen Bräutigam.


Mein Vater und Claudia waren sich auch früher schon bei den wenigsten Dingen einig gewesen. Claudia liebte die Berge, mein Vater das Meer. Claudia ging gern ins Kino, mein Vater ging gerne wieder raus. Claudia hatte im September Geburtstag, mein Vater war sich ganz sicher, dass es eher so »um den Mai rum« sei. Und deshalb war es wahrscheinlich kein Wunder, dass sie sich nun auch im VW-Käfer zwischen Reims und Paris auf wenig einigen konnten. (…) Mein Vater sagte: „Wir lieben uns mehr als je zuvor“, und Claudia sagte, das sei ihr aber neu.


Der Erzähler kann sich über die Liebesblödigkeit seines Vaters nur wundern. Seine ganze Hoffnung ruht auf Paris. Dort sollen seine zukünftige Mutter und sein Vater sich kennenlernen. An diesem Punkt kommt der Junge mit dem Notizbuch ins Spiel. Ihn treibt die gleiche Sehnsucht nach dem Leben. Das er bislang nur aus seinen Aufzeichnungen kennt. Der altkluge Zwölfjährige will nichts geringeres als leben lernen. Und bittet die drei Männer im Pelz um Hilfe.


„Also“, sagte der Junge mit vollem Mund, er wolle natürlich Autofahren lernen. Er wolle lernen, wie man einen Revolver richtig hält, wie man damit ins Schwarze trifft. Er wolle lernen, wie man einen doppelten Windsor bindet, wie man ihn möglichst lässig wieder löst, wie man einen Hund erzieht und wie man ein passables Hühnerfrikassee zubereitet. (…) Unbeschwertheit, sagte er, Unbeschwertheit wolle er dringend lernen. Er wolle lernen, wie man mit den Schultern zuckt, ohne dass es kleinlaut aussieht. Und verlernen, sagte er, wolle er die Angst, und ja, er wisse, dass Verlernen noch viel schwieriger sei als Lernen, aber er sei ja noch jung, einigermaßen, und Geduld habe er schließlich schon gelernt, und das sei eigentlich ziemlich einfach gewesen. Er legte die Gabel zurück auf den Teller. Man müsse, sagte er, nur einfach das Ende so weit nach hinten verlegen, dass man es nicht mehr sieht.


Die Ganoven müssen passen. Der Junge braucht einen neuen Plan: Er will sich retten lassen. In einem spektakulären Showdown: Punkt Mitternacht auf der höchsten Plattform des Eiffelturms. Im freien Fall durchs Raum-Zeit-Kontinuum. In einer einzigen Sekunde zuviel. Einer alles entscheidenden Sekunde. Für die einzig und allein zwei Mitarbeiter vom Internationalen Büro für Maß und Gewicht die Verantwortung tragen:


Für genau eine einzige Aufgabe waren René und Claude zuständig. Und diese Aufgabe war wichtig und verantwortungsvoll und sogar ziemlich aufregend, aber vor allem war sie wahnsinnig kurz. Sie dauerte genau eine Sekunde. Und trotzdem saßen sie schon seit Wochen hier, denn das Problem war, dass diese eine Sekunde fehlte. Sie fehlte der Zeit, zumindest der bürgerlichen Zeit, die eine Sekunde vorging, was für die meisten wahrscheinlich läppisch klingt, aber für René und Claude klang es ganz und gar nicht läppisch. Es klang alarmierend, es klang dramatisch, es klang unerträglich. Denn wenn man es genau nimmt, besteht gar kein großer Unterschied zwischen einer Sekunde und der Ewigkeit. Das eine ist halt etwas mehr, das andere etwas weniger, aber das sind nur Abstufungen. Wenn man es genau nimmt, darf natürlich gar nichts vorgehen. Der einzig wichtige Unterschied ist schließlich der zwischen gar nichts und etwas, aber immer ist ja etwas, das kann man gar nicht verhindern, schon gar nicht, wenn man es genau nimmt. Und René und Claude wurden nun einmal dafür bezahlt, es genau zu nehmen. Und je genauer man es nimmt, desto klarer sieht man, was alles nicht stimmt. Und deshalb bestand ihre eigentliche Aufgabe darin festzulegen, wie ungenau man es nehmen durfte mit der Zeit. (…)


René und Claude mit ihrem zeitlosen, aus der Sehnsucht geborenen Phlegma, das im Blick in den Himmel nach Rettung sucht, werden im Roman zu Geburtshelfern einer neuen Zeit. In der die Zukunft nicht mehr in der Vergangenheit liegt. Der Beginn eines neuen Lebens, das endlich mit sich selbst identisch ist.

 

„Morgen mehr“ ist die Vorstufe zu einem Entwicklungsroman. Der sein Glück in Gegenrichtung sucht: nämlich vor der eigenen Geburt. Wo alles noch offen, alles noch möglich ist. Dieser Möglichkeitsraum öffnet Tilman Rammstedt genug Freiräume für seine Fabulierlust und sein experimentelles Spiel mit Sprache. Und bietet seinen Figuren die zweite Chance auf ein besseres Morgen. Eine Hoffnung, die gelingen kann und scheitern muss. Das macht Tilman Rammstedts Anti-Helden so tragisch und komisch in einem. Melancholie und Humor gehörten für ihn gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit zusammen, bestätigt der Autor:


In der Küche geht’s ja auch um Geschmacks-Kontraste. Und das nicht nur bei süß-sauer, sondern auch bei vielem anderen. Welche Dinge passen gut zusammen, gerade, weil sie sich überhaupt nicht ähnlich sind, weil sie sich fast ausschließen. Und so ist es beim Schreiben ja auch. Und da am klarsten, sagen wir mal, bei Humor und Melancholie.


Melancholie und Humor vermittelt auch der für Rammstedt typische Sprachduktus. Seine rhythmischen Wiederholungen sind das Mantra einer Wort gewordenen verzweifelt-komischen Traurigkeit. Mit witzig-philosophischen Pointen, die als Ohrwürmer hängen bleiben. Der typische Rammstedt-Sound scheint wie für den mündlichen Vortrag gemacht. Tatsächlich habe er anfangs für Lesebühnen geschrieben, erzählt Tilman Rammstedt. Und sich vom Klang der „Kindergeschichten“ Peter Bichsels anregen lassen. Später habe er gemerkt,


(…), dass natürlich diese Melodie auch inhaltliche Effekte produziert. Dass Humor, aber auch Traurigkeit auch über eine Sprachmelodie erzeugt werden und nicht nur über die Worte und über das, was die Worte bedeuten. (…) Und das andere ist dieses schöne Springen zwischen Melancholie und Humor.


In „Morgen mehr“ geht es aber um mehr als um Stimmungen. Subjektive Empfindungen schlagen bei Tilman Rammstedt immer wieder in universelle Erkenntnisse um. Eine Art „literarisches Kochrezept“, das sich auch in seinen anderen Texten wiederfinden lässt. Wie der Autor selbst bekennt,


(…) kippt das dann über in eine Erkenntnis über die Welt, die sich natürlich auch nicht ganz ernst nimmt, weil die Figuren bei mir das immer auch wissen. Dass es eigentlich nur ein subjektives Empfinden ist und dass man die Welt dann in dem Sinne, auch, wenn man es plötzlich verallgemeinert, immer noch subjektiv wahrnimmt. Das heißt, die Art der Abstrahierung sagt wieder mehr über die Figuren aus als über die Welt.


„Morgen mehr“ ist eine philosophische Tragikomödie. Ein szenisches Sprechtheater, das existenzielle Themen genau dort verhandelt, von wo sie ausgehen: in unserer Sprache, Wahrnehmung und Denken. Mit Darstellern, die in ihrem Scheitern so verzweifelt komisch wirken, dass man über sie und damit auch über das eigene Unglück lachen kann. Das ist Tilman Rammstedts Spezialität. Wie leicht und selbstverständlich ihm das gerade in „Morgen mehr“ gelingt, darüber staunt der Autor selbst vielleicht am meisten. Ist der Roman doch während eines dreimonatigen Internet-Schreibexperiments entstanden. Im täglichen Fortschreiben von Kapitel zu Kapitel. Mit online abrufbaren Texten, Selfies und Lesungen. Vor Lesern, die im Forum den Text laufend kommentieren konnten.


Es ist ein Buch, was ich sonst nie geschrieben hätte. Ein Buch, das ich nie geschrieben hätte, wenn ich es nicht auf diese Weise, täglich, unter den Augen der Öffentlichkeit geschrieben hätte. (…)
Es ist vielleicht mein klassischster Roman. Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Also, er ist der einzige, der linear erzählt ist. (…) Die Umstände waren so experimentell, dass daraus etwas entstanden ist, dass dann vielleicht am klassischsten geworden ist, von all dem, was ich bisher geschrieben hab.


Klassisch natürlich nur für Tilman Rammstedts Verhältnisse. Der den Forsetzungsroman, in dem sogar sprechende Emotionen auftreten und Interviews mit einem Hammer geführt werden, für die Buchfassung, nur leicht angepasst hat.

 

Mit „Morgen mehr“ ist dem musikalischen Improvisationskünstler Tilman Rammstedt ein literarischer Coup geglückt. Denn man merkt dem Buch seine Entstehung tatsächlich nur an, wenn man sie kennt. Der Autor hat mit seinem Roman mehr eingelöst, als der Junge im Online-Trailer versprochen hat: „Morgen mehr“ ist nicht nur eine unterhaltsame und zugleich hintergründige Groteske über Liebe, Verzweiflung, Sehnsucht, Aufbruch, große und kleine Gefühle. „Morgen mehr“ macht süchtig. Und verlangt geradezu nach einer Fortsetzung. Wie sie der Titel ja quasi verspricht: „Morgen mehr“.

 

Interview
mit Tilman Rammstedt zu "Morgen mehr" ...

 

Der Autor liest selbst:
Ein Ausschnitt aus dem Sechsundzwanzigsten Kapitel

Ein Ausschnitt aus dem Siebenundvierzigsten Kapitel

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