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Der unromantische Romantiker

Jochen Strobel: August Wilhelm Schlegel. Romantiker und Kosmopolit. Biografie. Theiss Verlag 2017. 200 Seiten.

 

Weitere im Beitrag erwähnte Literatur:
Roger Paulin: August Wilhelm Schlegel. Biografie. Schöningh Verlag 2017. 370 Seiten.
Héctor Canal:
Romantische Universalphilologie: Studien zu August Wilhelm Schlegel (Germanisch Romanische Monatsschrift / Beihefte). Universitätsverlag Winter GmbH Heidelberg. 2017. 412 Seiten.

 

Sendung vom 3.9.2017 im Deutschlandfunk / Buch der Woche, Moderation Hubert Winkels

http://www.deutschlandfunk.de/august-wilhelm-schlegel-ein-romantiker-der-unromantisch.700.de.html?dram:article_id=394980
Beitrag hören (Zitate gesprochen von Folker Banik vom DLF-Sprecherensemble)


Am 5. September 2017 jährt sich August Wilhelm Schlegels Geburtstag zum 250. Mal. Der Literaturhistoriker und -kritiker, Übersetzer, Alt-Philologe und Indologe wurde 1767 in Hannover geboren und starb 1845 in Bonn. Dem älteren Bruder von Friedrich Schlegel kommt unter den kurz vor der Jahrhundertwende in Jena versammelten Frühromantikern große Bedeutung zu, vor allem auch wegen seines internationalen Einflusses. Er trat weder als Novellenautor oder Romancier noch als Märchensammler hervor, und machte sich nur bedingt als Lyriker und Dramatiker einen Namen. August Wilhelm Schlegels Verdienste beruhen vielmehr auf der prägnanten Formulierung und Vermittlung historischen Wissens und ästhetischer Werte in Rezensionen und Vorlesungen, auf Übersetzungen und Editionen der Zeugnisse fremder Kulturen.

 

Dass er bis heute im Schatten der anderen steht, beruhe auf einer Fehleinschätzung, die durch die Vielseitigkeit seiner Interessen und Produktion bedingt ist. Urteilt Jochen Strobel in seinem neuen Buch „August Wilhelm Schlegel. Romantiker und Kosmopolit“, das jetzt im Theiss-Verlag erschienen ist. Zum 250. Geburtstag kommt ein wenig später die August-Wilhelm-Schlegel-Biografie des emeritierten Cambridge-Professors Roger Paulin auf Deutsch heraus. Außerdem kann man vom 6. September bis 12. November im Frankfurter Goethe-Haus eine Ausstellung unter dem Titel „Aufbruch ins romantische Universum – August Wilhelm Schlegel“ besuchen, die ab dem 29. November bis 28. April 2018 im Ernst-Moritz-Arndt-Haus in Bonn zu sehen sein wird.

 

Was romantisch ist, weiß jeder. Oder meint es jedenfalls zu wissen. Romantik hat mit Gefühl zu tun, mit Sehnsucht, Liebe und Entgrenzung. Ein bisschen schaurig darf es auch sein. Wildromantisch und ursprünglich wie jahrhundertealte Märchen und Mythen. Tatsächlich haben Romantiker wie die Brüder Grimm, Achim von Arnim oder Clemens Brentano mündliche Überlieferungen gesammelt und ins Schriftliche übertragen. Ihre Volksmärchen und Volkslieder kennt heute noch jedes Kind. Transkripte gehörten zum Kerngeschäft der Romantik auf der Suche nach dem Ursprung der Poesie. Darunter fallen auch Übersetzungen. „Das Romantische selbst ist eine Uebersetzung“, heißt es in Clemens Brentanos Roman „Godwi“. Und Novalis hatte in einem Brief an August Wilhelm Schlegel sogar behauptet: „Am Ende ist alle Poesie Übersetzung.“ Danach wäre August Wilhelm Schlegel der Romantiker schlechthin.


Auch wenn nicht jeder den Namen des Übersetzers kennt, so entstammt doch der prägnante Satz „Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage“ nicht irgendeiner, sondern Schlegels Hamlet-Übersetzung, die bis heute die bekannteste und immer noch die meistgelesene ist.


War August Wilhelm Schlegel überhaupt ein „Romantiker“?

 

August Wilhelm Schlegel, der von 1767 bis 1845 lebte, zählt nicht nur wegen seiner Shakespeare-Übersetzung zu den bedeutendsten Autoren der deutschsprachigen Romantik. Die Vorstellung von einer Weltgeschichte der Literatur und überhaupt eine Praxis vergleichender Literaturgeschichtsschreibung sowie die Erforschung des Sanskrit wären ohne ihn nicht zu denken, betont Jochen Strobel in seiner neuen Biografie „August Wilhelm Schlegel. Romantiker und Kosmopolit“. Ungeachtet seines außergewöhnlichen Einflusses sei er aber einer der am wenigsten erforschten und gewürdigten, konstatiert der Literaturwissenschaftler Strobel. Nicht zuletzt aufgrund Heinrich Heines polemischer Abrechnung mit Schlegel in Die romantische Schule von 1833. Heine macht sich dort über seinen Bonner Professor als eitlen parfümierten Herrn mit „Glacéhandschuh“ lustig. Auch als Dichter sei er „kein Paganini“ und der „Chef der Romantiker“ habe nur von den Ideen seines Bruders Friedrich gezehrt. Dieses Bild will der Marburger Professor als Leiter des Projekts „Digitalisierung und elektronische Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels“ und mit seiner neuen Lebensdarstellung korrigieren.

 

Strobels Schlegel-Porträt präsentiert sich im Untertitel nicht ausdrücklich als Biografie. Stattdessen verweist der Text immer wieder auf den Biografen Roger Paulin. Dessen 2016 auf Englisch erschienene Biografie Schlegels wird diesen Oktober im Schoeningh-Verlag auf Deutsch erscheinen. Die 500-seitige Arbeit des Germanisten Paulin werde lange als die maßgebliche wissenschafliche Biografie gelten, urteilt der Rezensent Theodore Ziolkowski. Nach der 1943 im Exil entstandenen essayistischen Populärbiografie von Bernhard von Brentano ist es die erste groß angelegte Lebensdarstellung zu August Wilhelm Schlegel überhaupt. Jochen Strobels Buch positioniert sich dagegen mit seinen im Vergleich zu Paulins Biografie schmalen zweihundert Seiten eher als August-Wilhelm-Schlegel-Kompendium.


Sollten wir Schlegel überhaupt „Romantiker“ nennen? fragt Strobel provokant. Als Schlegel-Experte weiß er natürlich: August Wilhelm Schlegel ist allein deshalb eine der zentralen Figuren der Romantik, weil er 1798 bis 1800 gemeinsam mit seinem deutlich berühmteren Bruder Friedrich Herausgeber und Autor der romantischen Programmzeitschrift „Athenaeum“ war.


Das Zwielichtige, ja Halbseidene, das man bis heute mit der Vokabel [Romantik] assoziieren mag, wird ihm nur bedingt gerecht, hat ihm aber enorm geschadet. (...) Ihm war es beschieden, als Haus- und Universitätslehrer, als öffentlich Vortragender und als Autor, als Übersetzer und als Berater einer international anerkannten Schriftstellerin Fäden zu ziehen – vor romantischem Hintergrund und in einer Epoche, die für seine Inhalte und seine Vermittlungsformen empfänglich war. Wie die gesamte Romantik war er nicht rückwärtsgewandt, Romantik war zu keiner Zeit ein Retro-Kult. (...) Sie wollte vermitteln, vermischen, verbinden – dies aber war Schlegels Stärke. (...)
Als „Romantiker“ ist er heute vielleicht gerade deswegen interessant, weil er aus unserer Sicht so „unromantisch“ wirkt: gewissenhaft, gar pedantisch (...). August Wilhelm hat das Zeug, unsere klischeehaften Vorstellungen vom ätherischen romantischen Jüngling, wahlweise auch vom grüblerischen Philosophen, vom weltabgewandten Lyriker oder auch vom rauschhaft empfindelnden Phantasten ins Leere laufen zu lassen.

 

Sein Leben als Romantiker in Jena und weitgereister Kosmopolit

 

Doch wer war August Wilhelm Schlegel eigentlich? Einen kurzen hilfreichen Lebensabriss stellt Jochen Strobel seiner Biografie voran. In einer Zeittafel im Anhang werden von ihm Schlegels wichtigste Lebensdaten noch einmal im Kontext historischer Eckdaten übersichtlich dargestellt.


Am 5. September 1767 als eines von zehn Kindern des Pfarrers und Dichters Johann Adolf Schlegel und seiner Frau Johanna Christiane Erdmuthe in Hannover geboren, ist August Wilhelm Schlegel nicht nur der älteste romantische Autor. Er wird auch einer der publizistisch, wissenschaftlich, aber auch als Briefschreiber produktivsten Schriftsteller seiner Zeit werden. Nach einem Studium der Theologie, dann aber vor allem der Klassischen Philologie in Göttingen, u.a. bei Christian Gottlob Heyne und bei Gottfried August Bürger, war er 1791 bis 1795 als Hauslehrer in Amsterdam tätig. Schon während dieser Zeit begann Schlegel zu rezensieren. Erst für die „Göttingischen Gelehrten Anzeigen“, ab 1794 auf Schillers Anfrage für dessen Zeitschrift „Die Horen“ und seinen Musenalmanach. Schiller vermittelte den literaturgeschichtlich, übersetzerisch und kunsttheoretisch interessierten Kritiker auch an die Jenaer „Allgemeine Literatur-Zeitung“.

 

1795 wechselte er, von Schiller gerufen, nach Jena. Von 1796 bis 1803 war er mit Caroline Böhmer, geb. Michaelis, verheiratet. Nach dem Bruch mit Schiller entspann sich in Jena in den Jahren 1799 bis 1801 eine enge Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit engen Freunden, aber auch dem Bruder Friedrich – die sogenannte Jenaer Frühromantik. Beide Brüder gaben 1798 bis 1800 die maßgebliche Zeitschrift Athenaeum heraus. Zudem war Schlegel seit 1798 außerordentlicher Professor an der Universität Jena, wo er philologische, ästhetisch-literaturgeschichtliche und enzyklopädische Vorlesungen hielt.
1801 bis 1804 verlegte er seine Vorlesungstätigkeit nach Berlin und adressierte dort ein nichtakademisches, zahlendes Publikum – wiederum mit kunsttheoretischen Vorlesungen und solchen zur antiken sowie zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen („romantischen“) Literatur. Gleichzeitig machte er sich als literarischer Übersetzer aus dem Englischen, Italienischen und Spanischen einen Namen, vor allem mit den Dramen Shakespeares und Calderóns.

 


Unter den Zuhörern seiner Berliner Vorlesungen befand sich auch die international renommierte Schriftstellerin Germaine de Staël. Sie holte den von ihr bewunderten Gelehrten als Hauslehrer für ihre Kinder nach Coppet bei Genf. Für August Wilhelm bedeutete das eine Lebenswende. Ab 1804 begleitete er Madame de Staël als Gesprächspartner in literarischen Fragen dreizehn Jahre lang, auch auf ihren Reisen. Während eines Aufenthaltes in Wien vermittelte sie ihm 1808/1809 eine Vorlesungsreihe über die Geschichte des Dramas. Schlegels gedruckte und vielfach übersetzte Wiener Dramen-Vorlesungen wurden in ganz Europa gelesen. Durch sie sprang in vielen europäischen Ländern der Funke der Begeisterung für die eigene nationalsprachliche Kultur und deren Ursprünge über, resümiert Jochen Strobel. Madame de Staëls Gegnerschaft zu Napoleon hatte die Verbannung des Coppet-Kreises aus Frankreich zur Folge. Selbst in der Schweiz fühlte man sich bald nicht mehr sicher.


1812 floh Schlegel zusammen mit Madame de Staël über Russland nach Schweden, wo er auf ihre Vermittlung hin Sekretär des schwedischen Kronprinzen Bernadotte wurde. Nicht nur begleitete er diesen bis 1814 im Kampf gegen die französischen Truppen, Schlegel verfasste auch erfolgreich antifranzösische Publizistik.
Erst nach Madame de Staëls Tod ging Schlegel 1818 nach Deutschland zurück, um eine Professur für Literatur und schöne Künste an der neu gegründeten preußischen Universität Bonn anzutreten. In dem ihm noch bleibenden Vierteljahrhundert vermittelte er noch einmal sehr erfolgreich sein literarisches und ästhetisches Wissen, doch begründete er zugleich die Indologie, also die Wissenschaft vom Sanskrit, in Deutschland. Schlegel starb im Alter von knapp 78 Jahren in Bonn.

 

Der Mann der vielen Rollen wollte vor allem „vermitteln“

 

So weit August Wilhelm Schlegels biografische Eckdaten. Welche Lebensgeschichte sich dahinter verbirgt, dieser Frage geht Jochen Strobel in den nun folgenden neun Kapiteln seiner Lebensdarstellung nach. Die Kapitel folgen zwar grundsätzlich der Chronologie, zeichnen aber die Kontur von Schlegels Persönlichkeit auf der Suche nach Mustern entlang seiner Lebensrollen nach. So finden sich neben bekannten Rollen wie „Der Romantiker“, „Der Übersetzer“, „Der Literaturhistoriker“ und „Der Professor“ auch überraschende Zuordnungen August Wilhelms als „Der Aufklärer und Philologe“, „Der Kritiker“, als „Erzieher und Muse“ oder als „Der Kriegsbeobachter und Publizist“. „Der Bürger und Privatmensch“ steht nicht zufällig ganz am Schluss von Strobels Schlegel-Profil. Als Mensch, konstatiert Jochen Strobel, wird der bis zum Lebensende unermüdlich tätige Gelehrte uns ein Rätsel bleiben.


Schlegel gründete keine Familie und hatte keine Kinder, wie es bürgerliche Pflicht gewesen wäre (...). August Wilhelms beide Ehen (…) sind nicht in diesem Sinne als bürgerliche Familiengründungen zu verstehen. Er war wohl auch nur in Maßen ein geselliger Mensch. Intellektuelle Aufrichtigkeit bis zur Pedanterie und zugleich eine gewisse Angriffslust waren nicht die besten Voraussetzungen für lange und enge Freundschaften. (…)
Von seinem wichtigsten Vertrauten, dem Bruder Friedrich, entfremdete sich August Wilhelm nach der Jahrhundertwende rasch und zunehmend. (…) Mit Ludwig Tieck bestand lebenslanges Einvernehmen, (...). Doch auch hier gilt: (…) gelebte Freundschaft war dies nicht. Nur mit seiner Familie sowie mit Madame de Staël und deren Kindern wechselte Schlegel Briefe über Jahrzehnte hinweg mit einiger Regelmäßigkeit und Herzlichkeit.


Um so erstaunlicher, dass Jochen Strobel als wiederholtes zentrales Muster in August Wilhelms Biografie ausgerechnet seine Rolle als Vermittler ausmacht. Vermittlung aber gehört zum Kern des romantischen Programms. Strobel gelingt es aufzuzeigen: Schlegel steht als der am längsten lebende romantische Schriftsteller nicht nur als Schaltstelle zwischen Aufklärung und Romantik. Er bildet als Romantiker und homo academicus auch das Bindeglied zwischen Poesie und Wissen. Als Übersetzer, Literaturhistoriker und mit Madame de Staël weitgereister Kosmopolit wird er zur politisch bedeutsamen Schlüsselfigur im sprachlichen und kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Europa. In seiner universalen Vermittlerfunktion war August Wilhelm Schlegel revolutionär, betont Jochen Strobel: ein „Revolutionär vom Schreibtisch aus“.

 

Modern war Schlegel erst recht als Wissenschaftler im Übergang von bloßem Sammeln und Klassifizieren zu einer Ausdifferenzierung akademischer Disziplinen nach wissenschaftlichen Methoden und im Zeichen des Vorrangs eigenverantwortlicher Forschung. Innovativ war er besonders als Wissenschaftsmanager. Seiner Zeit vorauseilender Anreger war er als Übersetzer und Literaturgeschichtsschreiber. Er ebnete vielen den Weg zur Poesie (...).

 

Schlegel als Kritiker, Schriftsteller und weitgereister Publizist


Selbstbewusst und scharfzüngig sei August Wilhelm schon als junger Kritiker gewesen, urteilt Strobel und berichtet: Gleich in seinen ersten Rezensionen für die Allgemeine Literatur-Zeitung wandte sich Schlegel Goethe und Schiller zu. Und erlaubte sich die Bemerkung, Goethes Geist, seine Individualität komme auch in minderen Werken zum Ausdruck – somit würden auch diese vor dem Untergang bewahrt. Mit zahlreichen Belegen versucht Strobel das gängige Vorurteil zu entkräften, August Wilhelms Beitrag zur Romantik sei nachrangig. Gegenüber dem Genie der Dichtungen eines Novalis oder den programmatischen Fragmenten seines Bruders Friedrich in der Zeitschrift „Athenaeum“ sei seine Rolle nur epigonal. Wohl 88 von 451 Athenaeums-Fragmenten stammten von August Wilhelm, die meisten anderen von Friedrich Schlegel, bilanziert Strobel. Und kontert: Auch wenn der ältere Schlegel-Bruder der weniger zur Spekulation geneigte gewesen sei – hier gelängen ihm Pointen, die sich vor denen des kühnen Friedrich nicht verstecken müssten. Ein Beispiel:

 

Zum Glück wartet die Poesie eben so wenig auf die Theorie, als die Tugend auf die Moral, sonst hätten wir fürs erste keine Hoffnung zu einem Gedicht. (Ath. I, 180)

 

Der vorherrschenden Meinung, dass der Wechsel in die Dienste von Madame de Staël Schlegels schriftstellerischer Produktivität Abbruch getan hätten, widerspricht Strobel. Welche unterschiedlichen Rollen August Wilhelm in sich vereinigte und wie schlagkräftig er seine Feder einzusetzen verstand, zeigt Jochen Strobel am Beispiel seiner Funktion als Sekretär unter dem schwedischen Thronfolger Bernadotte:

 

In der Zeit der Befreiungskriege wurde aus dem versponnenen und hypersensiblen Hauslehrer der weitgereiste Sekretär eines hochrangigen Politikers und in dessen Auftrag ein politischer Publizist. Wenn der Pressesprecher eines Politikers selbst als Politiker bezeichnet werden darf, dann war Schlegel einer auf Zeit. (…) In dieser Zeit reiste er mehrfach an die Kriegsschauplätze in Deutschland (…).

Am wohl einflussreichsten war allerdings die in Stockholm, London und Paris erschienene Broschüre Sur le système continental et sur ses rapports avec la Suède, die Bernadottes Politik im In- und Ausland rechtfertigen sollte. Die Streitschrift entfaltet die Nachteile der von Napoleon 1806 über England verhängten Wirtschaftsblockade (...). „Eigentlich zeitigte nichts, was Schlegel je geschrieben hat, derart unmittelbare und umfassende Folgen wie dieses flüchtige Pamphlet.“ (Paulin, 360) Der ehemalige Literaturkritiker Schlegel hatte sich nicht nur früh in polemisches Schreiben eingeübt, auch rasches Eingreifen war neben philologischer Gründlichkeit eine seiner Stärken – dies alles zusammen findet sich gewiss nur bei wenigen Menschen.

 

Der patriotische Europäer

 

Doch August Wilhelm Schlegel ist für Strobel kein Denkmal. So gibt der Autor dem Leser auch immer wieder einmal Anlass zum Schmunzeln. Als der penible Philologe Schlegel in den 1840er Jahren gebeten wurde, für eine neue Gesamtausgabe der Werke Friedrichs II. von Preußen beratend tätig zu sein und eine Einleitung beizusteuern, produzierte er auf vielen Seiten lange Listen von Konjekturen, um die Sprachfehler des verstorbenen Königs auszumerzen, berichtet Strobel. Bei all seinen Bemühungen zur Rehabilitation August Wilhelm Schlegels bleibt Strobel ausgewogen, ohne unkritisch zu sein. Vor allem in Bezug auf seine patriotische Begeisterung gibt er zu bedenken:


Schlegel war Europäer. Aber er propagierte eine durchaus nicht unproblematische deutsche kulturelle Hegemonie bei zugleich kulturell und politisch antifranzösischer Haltung und unter Ausblendung von Ost- und Südeuropa. Mit diesem germanozentrischen Entwurf stand er am Anfang einer ambivalenten und zunehmend unheilvollen Entwicklung. (...) Dennoch blieb er bis zum Ende seines Lebens Kosmopolit (…).


Schlüsselfigur für romantischen Kulturtransfer und Wissenswelten

 

Mit der Verschiebung des literaturwissenschaftlichen Erkenntnisinteresses vom Mythos Romantik hin zur Erforschung des romantischen Kulturtransfers und romantischer Wissenswelten – so der Titel eines internationalen Kolloquiums 2008 – ist August Wilhelm Schlegel in den letzten Jahren verstärkt ins Zentrum der Romantikforschung gerückt. Dem tragen wissenschaftliche Detailuntersuchungen in verschiedenen Sprachen Rechnung. So die in diesem Frühjahr im Universitätsverlag Winter erschienene Studie des Germanisten Héctor Canal zu August Wilhelm Schlegels „Romantische Universalphilologie“.

 

Strobel präsentiert dieses gewandelte Schlegel-Bild in seinem Buch einer breiteren Öffentlichkeit. Der Schlegel-Experte beweist in seiner Darstellung Empathie und bewahrt dennoch die nötige Distanz. Er arbeitet in seiner Lebensdarstellung konturiert das Zeittypische heraus und zeigt die Strömungen auf, die sich in August Wilhelm Schlegel kreuzen. Strobel spricht mit seinem neuen Buch „August Wilhelm Schlegel. Romantiker und Kosmopolit“ nicht nur Wissenschaftler und Studenten, sondern auch interessierte Laien an. Historische Abbildungen lockern seinen Text auf und machen Personen und Orte anschaulich. Sein breit gefächertes Porträt ist leicht und eingängig geschrieben und dennoch fachlich fundiert.

 

Dabei setzt er Akzente und Schwerpunkte, bei denen manche Themen, wie zum Beispiel Schlegels Sprachphilosophie, vielleicht auch etwas zu kurz kommen. Doch der am jahrelangen Quellenstudium geschulte Schlegel-Wissenschaftler Strobel versteht es, August Wilhelm Schlegel im historischen Kontext dem Leser näher zu bringen, ohne ihn mit allzu vielen Daten und Fakten zu überfordern. Auf Fußnoten verzichtet er in seiner essayistischen Lebensdarstellung. Die verwendeten Quellen sind im Werk- und Literaturverzeichnis sowie Personenregister im Anhang zu finden.

 

Strobel gibt mit seinem August-Wilhelm-Schlegel-Buch eine gut lesbare Überblicksdarstellung und stellt den lange Zeit unter Wert geschlagenen „unromantischen“ Romantiker August Wilhelm Schlegel damit einer breiteren Öffentlichkeit vor. August Wilhelm Schlegel, einer der letzten Universalgelehrten, hat es verdient.

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