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Das Trennende ist das Verbindende, sagt die Linie

 

Alissa Walser: Eindeutiger Versuch einer Verführung. Hanser 2017. 160 Seiten.

Rezension vom 8.8.2007 im Deutschlandfunk Büchermarkt, Moderation Hubert Winkels.

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2017/08/08/alissa_walser_eindeutiger_versuch_einer_verfuehrung_dlf_20170808_1621_0dc0d016.mp3

Beitrag hören (Zitate gesprochen von Martina Sturm-Wende vom DLF-Sprecherensemble)

 

 

Alissa Walser, Jahrgang 1961, ist die zweite von vier Töchtern des Schriftstellers Martin Walser. Sie studierte Malerei in Wien und New York und lebt seit 1987 in Frankfurt am Main. Alissa Walser ist mit dem Schriftsteller Sascha Anderson verheiratet. Seit 1990 ist sie selbst schriftellerisch und als Übersetzerin tätig. Bereits 1992 gewinnt sie den Ingeborg-Bachmannn-Preis für eine Geschichte aus dem zwei Jahre später erscheinenden Debütband mit kurzen Prosatexten „Dies ist nicht meine ganze Geschichte“. 2010 erntet sie viel Lob für ihren Debütroman „Am Anfang war die Nacht Musik“ über den Heilungsversuch der blinden Pianistin und Sängerin Maria Theresia Paradis durch den Wiener Arzt und Magnetiseur Franz Anton Mesmer. Jetzt ist ihr neuer Band mit Prosaminiaturen erschienen unter dem Titel „Eindeutiger Versuch einer Verführung“.

 

Das Trennende ist das Verbindende, sagt die Linie. Das Komplementäre ist das Ergänzende, sagt die Farbe. Warum Schönheit gerade aus dem Kontrast entsteht? Die Antwort liegt zwischen Farbe, Linie und Weißraum, meint Alissa Walser als gelernte Malerin. Den Kraft- und Spannungsfeldern dieser Zwischenräume gilt auch ihr Augenmerk als Schriftstellerin. Das zeigt ihr neuer Band mit Prosaminiaturen. Er trägt den Titel „Eindeutiger Versuch einer Verführung“.

 

Sie fand Rhythmen spannend, und sie wusste, dass es auf die Pausen ankommt, die kleinen, minimalistischen, Ja aber. Genau dort, wo a und a jetzt ohne Punkt und Komma auf Luft stoßen die Luft zwischen zwei gleichen Magnetpolen, wird die Geschichte federleicht. Wie ein Federchen, auf dem sich die Stimme befreit.

 

Zwei Flächen in den Komplementärfarben Gelborange und Blau begegnen sich auf dem von Alissa Walser selbst gestalteten Umschlagmotiv. Bei genauerem Hinsehen erkennt man die Schemen zweier Tiere, die sich Kopf an Kopf gegenüber stehen. Sind es zwei Rivalen, bereit zum Kampf? Oder ist es ein „Eindeutiger Versuch einer Verführung“, der Auftakt zum Liebesspiel? Das Bildmotiv bleibt genauso ambivalent wie der Begriff. Denn Verführung meint die sowohl zärtliche als auch gewaltsame Vereinnahmung eines anderen gegen seinen Willen. Nach Max Weber steht Verführung für eine Form der Machtausübung und Herrschaft.

 

Um Machtverhältnisse und Dissonanzen geht es in den siebenundfünfzig Kurz- und Kürzestgeschichten von Alissa Walser. Um ganz konkrete zwischenmenschliche Differenzen von Vätern, Müttern und ihren Töchtern, von Liebenden oder Freunden. Die sich oft im Missverhältnis zwischen Sprechen und Verstummen äußern. Aber auch um abstrakte Gegensätze von Raum und Zeit, Wahrnehmung und Wirklichkeit oder Identität und Fremdheit. Alissa Walser kristallisiert sie aus den alltäglichsten und banalsten Begebenheiten heraus: beim Kaffee trinken, dem täglichen Einkauf, während einer Zugfahrt oder in den Aktivitäten der Spinnen über ihrem Bett. Die Kontraste werden von Alissa Walser aber nicht übermalt. Sondern in ihren bruchstückhaften Geschichten kubistisch hart und unversöhnt ineinander geschnitten. Sie zeichnet keine Wunschwelt, …

 

(…), in der es nicht so hinter- und nach- und durcheinander zugeht wie in ihren Gedankenblitzen, die sie nicht zufassen bekommt, die vorbeirauschen wie die Rufe der Wildgänse im Flug und die Keile der Kraniche auf ihrem Weg nach Mecklenburg – als Spiegelung in den riesigen Pfützen, die auf den plattgewalzten Äckern stehengeblieben sind.

 

Die vielen kleinen, nur wie nebenbei aufeinander verweisenden Geschichten bilden eine kaleidoskopartige Gesamt-Textur. Aus sich spiegelnden, brechenden und widersprechenden Figuren-Skizzen und ihrer fragmentarisierten Wahrnehmung.


Genauso lose und zufällig wie die Verbindungen der Erzählungen untereinander wirken die Verknüpfungen zwischen unterschiedlichen Zeiten, verschiedenen Räumen und Geschehnissen innerhalb der Geschichten. Oft sind es gerade die beiläufigsten Dinge des Alltags, die die Geschichte urplötzlich in weit entfernte Vorstellungswelten katapultieren. Häufig nimmt die Autorin die Mehrdeutigkeit von Begriffen zum Anlass genauso abwegiger wie überraschender Gedankensprünge. Wie in den Geschichten „Ohne Grund“ oder „Abstillen“.

 

Der disparaten Wirklichkeits- und Ich-Erfahrung der ErzählerInnen steht das komplementäre Prinzip von Satz und Gegensatz gegenüber. Welches sich auch in vielen Überschriften erkennen lässt: Sie lauten „Entweder oder“, „Natur und Kunst“, „Senden und Trennen“, „Demografie und Gefühl“ oder „Unterwegs zuhause“. Diese Gegensatzpaare bilden das strukturbildende Muster der Texte. Sie verkörpern sich in den Figuren, Dingen und – aller Wahrnehmung vorausgehend – der Sprache. Auch und vor allem in der Gegenbewegung von Denken und Schweigen, Sprechen und Verstummen. Ein Wechselspiel, das die ErzählerInnen als ebenso konstitutiv wie unhintergehbar erfahren.

 

Manchmal reden wir nichts, weil alles schrecklich ist und Wörter nichts retten. Jetzt reden wir nichts, weil es perfekt ist und Wörter nur störten. Oft denke ich, während wir reden, dass wir reden, um Situationen zu schaffen die das Reden überflüssig machen.

 

Eine Erlösung aus diesem Dilemma wäre Illusion. Aber sie liebe die Illusion, sagt Alissa Walser. Und meint damit die Kunst. Die den Widerspruch zwar auch nicht auflösen, aber die Illusion beschwören kann. Indem sie die Gegensätze wieder und wieder wiederholt und so zu Mustern werden lässt. Die sich vervielfältigt in einer abstrakten Textur aufzulösen scheinen. Alissa Walser hat dazu in „Eindeutiger Versuch einer Verführung“ ihre ganz eigene figürliche und sprachliche Ornamentik entwickelt. Im Ornament versöhnen sich die Gegensätze in der rhythmischen Wiederholung, ohne sich aufzulösen. Ihr Ideal sei die Übereinstimmung von hohem Tempo und Stillstand, reklamiert die Sprecherin von „Unterwegs zuhause“. Freiheit sei, so die Reisende in einer anderen Erzählung, wie im Speisewagen eines ICE zu sitzen und in Raserei gemütlich auf die Speisekarte zu warten.


Solch eine Raserei in Ruhe muss man mögen. Das gilt auch für den Erzählband im Ganzen. Der Leser muss sich verführen lassen wollen von Alissa Walsers Wahrnehmungsexperiment „Eindeutiger Versuch einer Verführung“. Eindeutig verführerisch daran ist: Man merkt den federleichten Prosaminiaturen das waghalsige Spiel mit den Perspektiven beim ersten Lesen gar nicht an. Erst beim genaueren Hinsehen wächst die Ahnung: Man sitzt als Leser selbst in einem Schnellzug. Und die Reise spielt sich im eigenen Kopf ab. Auch wenn man als Leser nicht die komplette Strecke mitgehen kann. Es lohnt, sich auf Alissa Walsers „Eindeutiger Versuch einer Verführung“ einzulassen.

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